Hochschule für Gestaltung

Hafenperle auf dem Wunschzettel

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Ideen aus Fernost: Die Musashino Art University in Tokio von Architekt Sou Fujimoto.

Offenbach - Die Hochschule für Gestaltung sucht nach Anregungen für den Entwurf ihres Neubaus am Offenbacher Hafen. Der Blick geht auch nach Tokio, Seoul oder Hongkong. Im kommenden Jahr soll ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden. Von Lisa Berins

Ein Hochschulgebäude unter der Erde, eine Universität, die wie ein großes Bücherregal aussieht, kubistische oder organisch aufgeschichtete Konstruktionen – was Stararchitekten wie etwa Daniel Libeskind oder die kürzlich verstorbene Zaha Hadid in Nordost-Asien als Hochschulbauten entworfen haben, sind alles andere als schnöde Lernanstalten, sondern avantgardistische architektonische Meisterwerke. Sie könnten, findet Architekturkritiker Ulf Meyer, der zum Gedankenaustausch von Berlin nach Offenbach gereist ist, Anregungen für das Bauprojekt am Offenbacher Hafen geben. Finanziellen Freiraum für Architektur-Träumereien gibt es immerhin: 100 Millionen Euro hat das Land Hessen für den Neubau zugesagt.

Wo um das Jahr 2025 die neue Hochschule für Gestaltung stehen soll, türmen sich derzeit Schutthaufen hinter provisorisch aufgestellten Betonmauern. 15 000 Quadratmeter ist das Grundstück groß, nebenan der Boxklub Offenbach Nordend, zur einen Seite der Nordring, zur anderen das Hafenbecken. Flussabwärts: die Skyline von Frankfurt. An diesem Fleckchen soll Offenbach einmal kreativen Output in die Rhein-Main-Metropolregion ausstrahlen. So ähnlich zumindest stellt es sich der Urbanist Kai Vöckler von der HfG vor, der seit 2011 das „Zukunftslabor“ leitet. In der Arbeitsgruppe soll gemeinsam mit Studenten ein Konzept für den zukünftigen Hochschulbau entstehen.

Die Idee für einen Neubau ist seit 2007 im Raum. Zu klein sei der derzeitige Hauptstandort der Hochschule an der Schlossstraße, die Raumaufteilung ungeeignet für eine Kunstschule, sagt Hochschulpräsident Bernd Kracke. Derzeit liefen die Verkaufsverhandlungen zwischen Hessen und der Eigentümerin, der Stadt Offenbach. Wenn alles klappt, soll die HfG über etwa 5500 Quadratmeter mehr Hauptnutzfläche verfügen. Doch bis es soweit ist, müssen einige Hürden genommen werden.

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Da wäre zum Beispiel ein Gutachten, in dem die Rede von einer möglichen Bodenbelastung des Grundstücks am ehemaligen Industriehafen ist. Weitere kleine Problemzonen: Ein öffentlicher Weg führt mitten durch das Grundstück und teilt es in zwei Baufelder. Dennoch soll ein zusammenhängender Campus entstehen, der zudem über genügend Grünflächen verfügt. Außerdem muss laut Bebauungsplan eine etwa 20 Meter hohe Baukante zum Nordring eingehalten werden – was es schwer machen dürfte, aus der HfG einen „öffentlichen Ort der Wissensbildung“ zu machen und keinen abgeschotteten „Elfenbeinturm“. Da braucht es originelle architektonische Lösungen. Möglich wäre es vielleicht, überlegt Kai Vöckler, eine Glasfront zu errichten, die das Geschehen in der Schule transparent werden ließe.

Mögliche Referenzen für das Offenbacher Bauprojekt gibt es viele: Vielleicht liefert die China Academy of Art in Hangzhou des Architekten Wang Shu mit ihren lichtdurchfluteten, großzügig entworfenen Räumen und ihrem Fabrikcharme zündende Ideen. Oder der eher idyllisch wirkende Bau der Musashino Art University in Tokyo, der sich harmonisch in eine Umgebung mit Bäumen einfügt. Architekt Sou Fujimoto hat die Wände wie leere Bücherregale gestaltet. Das Holz strahlt Ruhe aus – eine Gegenposition zum schnelllebigen Alltag, findet Architekturkritiker Ulf Meyer.

HfG-Studenten zeigen Bilder Popmuseum

In Offenbach gibt es noch keine konkreten baulichen Vorstellungen, doch hat die Hochschule schon mal einen Wunschzettel zusammengestellt: Sie möchte einen variablen Bau, der flexibel genutzt werden kann, der funktional in Aufgabenbereiche eingeteilt ist, Ausstellungsflächen besitzt, Studieren, Arbeiten und Kommunizieren ermöglicht – und im besten Fall ein signifikantes Äußeres hat.

Im Dialog ist die Hochschule derzeit mit Experten verschiedener Institutionen. Regina Bittner, stellvertretende Direktorin des Bauhauses Dessau, stellt die Bedeutung des Prinzips der Werkstatt für den historischen Bau der Kunstschule heraus. Die Werkstätten waren das Herzstück, sagt Bittner. Auch in Offenbach sollen die Werkstätten nach Wunsch der Hochschule einen zentralen Platz einnehmen – im Erdgeschoss, und nicht wie bisher in den oberen Etagen.

Einen anderen grundsätzlichen Gedanken bringt die Raumsoziologin Silke Steets von der TU Darmstadt ins Spiel: Sie plädiert für eine unfertige Architektur, die Freiräume für die spätere Nutzung lasse. Ein Bau müsse als „architektonisches Meisterwerk auf dem Boden der täglichen Nutzung ankommen“. Bis die Ideen für den Offenbacher Neubau auf dem Boden der Tatsachen ankommen, wird noch einige Zeit vergehen – eine echte Chance für aufregende Visionen.

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