Jean Weipert ist Namensgeber für die Zufahrt ins Hafenviertel

Erinnerung an den „Marschall Vorwärts“

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Wer ins Hafenviertel möchte, muss durch die nach dem Lederwarenfabrikanten benannte Jean-Weipert-Straße fahren.

Offenbach - Eine Altstadt mit heimelig verwinkelten Gassen kann Offenbach nicht mehr zeigen. Aber es hat so etwas wie eine Neustadt; die nördlich des Stadtkerns aus dem ehemaligen Mainhafen wächst - das Hafenviertel. Das hat das Straßenverzeichnis um neue Namen verlängert. Von Lothar R. Braun 

Eine der Adern in diesem neuen Körperteil der Stadt wurde genutzt, um an den Lederwarenfabrikanten Jean Weipert (1886 bis 1964) und ein gutes Stück lokaler Wirtschaftsgeschichte zu erinnern. Die Zufahrt in das neue Quartier, an der sich die Tiefgarage und der Eingang zum Einkaufscenter befindet, wurde nach dem Unternehmer benannt. Jean Weipert war einer jener Geschäftsleute, die es auf sich nahmen, auch ehrenamtliche Funktionen zu tragen. Sein in dem unsicheren ersten Friedensjahr nach dem Ersten Weltkrieg gegründetes Unternehmen produzierte Lederwaren, die den Ruf der damaligen Lederstadt Offenbach anhaltend bekräftigten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Weipert zu den Gründern der Offenbacher Messegesellschaft. Er wirkte überregional im Vorstand des Verbands der Lederwarenindustrie Hessen, regional als Vizepräsident der Offenbacher Industrie- und Handelskammer sowie im Senat des Ledermuseums.

Eine stadtweit populäre Figur wurde Weipert, als die Messegesellschaft 1950 an der Ecke Kaiserstraße und Bettinastraße ihre erste Ausstellungshalle baute. Sie entstand auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrikantenvilla, die im alten Offenbach nach der Eigentümerfamilie Pfaltz nur als „die Villa Mainpfaltz“ bezeichnet wurde. Bis 1938 hatte dort das Deutsche Ledermuseum seinen Sitz. Kaum mehr als ein Katzensprung trennte diese Baustelle vom Betrieb des Jean Weipert. Das erleichterte es ihm, immer wieder unerwartet auf der Baustelle zu erscheinen und den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren und möglichst zu beschleunigen. Der kontaktfreudige Weipert sprach die Sprache der Bauarbeiter. Er verstand sie, und sie verstanden ihn. Aber er hat es nicht bei anfeuernden Reden belassen, nicht bei Lob und Tadel. Die Männer vom Bau konnten sich darauf verlassen, dass er auch mal einen Kasten Bier spendierte.

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In dieser Zeit heftete sich ihm der Beiname „Marschall Vorwärts“ an. Seit den Befreiungskriegen von 1813/14 war das der Spitzname des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht Blücher. Zuerst hatten die verbündeten Russen ihn so benannten, weil er mitreißend offensiv zu führen verstand. 1950 war das noch nicht so weit entfernt wie heute. Doch nicht nur die Messegesellschaft bezog Nutzen aus dem Energiebündel Weipert. Auch im kirchlichen Raum fand sein Bürgersinn ein Feld. Verdienste werden ihm beispielsweise um den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten katholischen Mutterkirche St. Paul und um den Bau des Ketteler-Krankenhauses zugeschrieben. Für sein Engagement wurde er mit der Ehrenplakette der Stadt Offenbach und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Erst nach dem Tod des Gründer verlegte seine Firma ihren Sitz von Offenbach nach Mühlheim-Lämmerspiel. 1970 gab sich die Firma den Namen „Traveller Jean Weipert GmbH“. Das bezog den Markennamen eines Gepäckstücks ein, mit dem das Haus einen Welterfolg erreicht hatte. Geführt wird das Haus noch immer von direkten Nachkommen des Marschalls Vorwärts.

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