Bieberer Imker beklagt schlechte Honigernte

Kaltes Frühjahr, leere Waben

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Steffen Remmel hat sanftmütige Bienen. Dennoch beruhigt er sie mit Rauch, bevor er eine Wabe herausnimmt.

Bieber - Noch nie haben Steffen Remmels Mitarbeiterinnen so wenig produziert wie in diesem Jahr. Nicht etwa, weil sie faul sind. Ihnen fehlte vielmehr das Material. Sie sind Bienen. Um Honig herzustellen, brauchen sie Nektar. Und der wird immer rarer. Von Sarah Neder

Steffen Remmel öffnet einen weißen Plastikeimer mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, taucht den Zeigefinger rein, kostet. Zuckerwasser. Honigersatz. Damit sollen seine Bienen durch den Winter kommen. Remmel kennt jedoch Imker, die das Bienenkraftfutter schon im Juli aufstellen mussten. Sonst wären ihre Völker verhungert.

In Remmels Garten leben zur Zeit 20 Völker. Jedes hat zu Spitzenzeiten mehr als 50.000 Bewohner. Das macht eine Million Mitarbeiterinnen. Ab und an fliegt eine träge Biene über die Wiese. Es wird kälter, die Insekten langsamer. Die Saison ist beinahe vorbei. „2016 war ein ganz schlechtes Bienenjahr“, sagt der 49-Jährige. Er imkert nun schon seit zehn Jahren, in der Regel erntet er bis zu 40 Kilogramm Honig pro Volk und Saison. 2016 hat er noch nicht mal ein Viertel der Ausbeute bekommen. Nur neun bis zehn Kilogramm pro Stock. So wenig wie noch nie.

Schuld ist vor allem das Wetter. „Das Frühjahr war zu nass und zu kalt“, sagt der Imker. Starkregen hat die Blüten zerstört. Und damit auch den Nektar. Honigrohmaterial. Zweites Problem: Pflanzen haben auf einmal geblüht. „Normalerweise beginnen die Weiden, dann blühen die Krokusse, später kommen die Obstbäume“, sagt Remmel. Diese Abfolge streckt sich über drei Monate. 2016 ging sie nach nur drei Wochen zu Ende, und mit ihr auch die meisten Nektarbestände.

Steffen Remmel ist Diplom-Ingenieur, das Imkern ein Ausgleich zum Büroalltag. Dennoch ist’s mehr Leidenschaft als Hobby. Von März bis September verordnet er sich eine Urlaubssperre. Auch im Winter schaut er täglich nach seinen fleißigen Arbeiterinnen. Außerdem sind damit einige Kosten verbunden; allein ein Stock, die sogenannte Beute, kommt auf 300 Euro. Das kann auch der Honigverkauf nicht wettmachen. Besonders nicht in einem schlechten Jahr wie diesem.

„Ich sehe es als gesellschaftliche Pflicht, der Natur etwas zurückzugeben“, sagt Remmel. Die Honigproduktion per se steht da nur an zweiter Stelle. Ihn beunruhigt eher die allgemeine Entwicklung, der Klimawandel, das Bienensterben. „In China müssen Feldarbeiter schon die Blüten mit einem Pinsel bestäuben.“ Ein Horrorszenario, findet Remmel.

Goldglänzende Tropfen sammeln die Bienen in ihren Waben. In diesem Jahr war die Ausbeute allerdings mau. Woran das liegt und welche Folgen es hat, weiß Experte Steffen Remmel. Er studiert das Verhalten seiner Insekten täglich und verfolgt sie mit der Kamera.

Er zeigt auf den Apfelbaum in seinem Garten. Die Äste ächzen unter der Last dicker roter Früchte. „Gäbe es keine Bienen mehr, hätten wir nur etwa zehn Prozent der Ernte.“ Die Obstregale wären leer. Remmel weiß aber auch, wie man dem verheerenden Trend entgegenwirken kann: mehr pflanzen, weniger spritzen, mehr imkern. Denn nicht nur die Bienen haben ein Existenzproblem. Auch die Imker. Remmel erläutert: „Die Generation, die das beruflich gemacht hat, ist ausgestorben.“ Der Nachwuchs ist oft älter als 50. Der Imkerverein Offenbach, dem auch Steffen Remmel angehört, baut auf eine neue Riege Bienen-Begeisterter. Im kommenden Jahr können wieder Neugierige beim Probe-Imkern mitmachen. Dabei werden sie mit dem Umgang der produktiven Insekten betraut. Für eine relativ kleine Summe Geld leihen sie ein Volk und wichtige Gerätschaften aus und finden heraus, ob das Imkern etwas für sie ist. Ganz unverbindlich.

Auch Remmel hatte das Angebot vor zehn Jahren ausprobiert. Seitdem ist nicht nur seine Population rasant gewachsen. Sondern auch seine Verbindung zur Natur.

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