Belohnungen für Hinweise

Kampf gegen Graffiti: Wie gegen Windmühlen

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Leider sind nicht alle Graffiti in Offenbach so kunstvoll gestaltet, wie die gewollten Werke der Gruppe artmos4 zwischen Ringcenter und Jacques-Offenbach-Straße. Die meisten Sprayer verschandeln mit ihren Schmierereien das Stadtbild. Eine Strafverfolgung ist oft schwierig.

Offenbach - Es ist der 7. April 2016. Gegen 16 Uhr sieht Oliver Gietzen, wie zwei vermummte Gestalten an der Turnhalle der Gewerblich-Technischen Schulen an der Mainstraße ein Graffito hinterlassen. Beherzt steigt er aus seinem Wagen aus und stellt einen der Täter. Von Steffen Müller 

Als Belohnung für seinen Mut bekam Gietzen nun 1000 Euro überreicht. Diese Auszeichnung im Kampf gegen Sprayer ist eine Ausnahme. Im Jahr 2008 hat die Wohnungswirtschaft, ein Zusammenschluss der größten Offenbacher Baugenossenschaften, beschlossen, Belohnungen auszuzahlen, wenn Bürger Hinweise geben, die zu der Ergreifung von Graffiti-Sprayern führen. Damals wurde die „Vereinbarung einer Partnerschaft gegen Graffiti“ geschlossen, die neben den sieben Baugenossenschaften auch die Stadt Offenbach und das Polizeipräsidium Südosthessen unterzeichnet haben.

Ziel dieser Vereinbarung ist es, gegen die „Verwahrlosung durch Schmierereien“ konsequent vorzugehen. Das bedeutet vor allem, Anzeige zu erstatten. Denn gegen Graffiti-Sprayer kann strafrechtlich nur ermittelt werden, wenn der Besitzer der beschmierten Immobilie die Sachbeschädigung bei der Polizei meldet. „Wir wollen Graffiti aus dem Erscheinungsbild der Stadt zurückdrängen. Die Schmierereien lösen bei Bürgern ein Unsicherheitsgefühl aus“, sagt Bürgermeister Peter Schneider, der gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der städtischen Gebäudemanagement GmbH ist.

Die Baugenossenschaften haben sich verpflichtet, sämtliche Graffiti an ihren Immobilien sofort zur Anzeige zu bringen, um Sprayern keine Plattform zu bieten. „Denn den Sprayern geht es vor allem um Ruhm und Anerkennung“, sagt Ursula Elmas. Die Kriminalhauptkommissarin beim Polizeipräsidium Südosthessen ist die Leiterin des Sachgebiet (SG) Sprayer. Hier werden Anzeigen gegen Graffiti-Sprüher aufgenommen und man versucht, die Täter zu ermitteln. „Meist sind es deutsche männliche Jugendliche aus gutem Elternhaus“, erläutert Elmas. Allerdings ist die Strafverfolgung schwierig: Viele Geschädigte verzichten auf eine Anzeige, nützliche Zeugenhinweise bleiben oft aus.

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Um diese Hinweise zu bekommen, setzen SG Sprayer, Wohnungswirtschaft und Stadt auf ein Lockmittel. Die 1000 Euro Belohnung sollen für Bürger als zusätzlicher Anreiz dienen, aufmerksam zu sein und die Polizei zu alarmieren, wenn etwas Verdächtiges bemerkt wird. Allerdings betont Peter Schneider auch, dass man dabei immer zuerst auf die eigene Sicherheit achten sollte.

Daran und an die 1000 Euro Belohnung hat Oliver Gietzen, der an den Gewerblich-Technischen Schulen als Hausmeister arbeitet, nicht unbedingt gedacht, als er gegen die zwei Sprayer vorging. „Ich habe die Polizei benachrichtigt und bin dann hinterher.“ Dass die Täter erst 13 und 14 Jahre alt waren, konnte Gietzen nicht erkennen. Dennoch stellte er sich ihnen mutig in den Weg. Während der Ältere fliehen konnte, wenig später aber von der Polizei aufgegriffen wurde, hielt Gietzen den 13-Jährigen in Schach. „Ganz ohne Gewalt“, wie er betont.

Auf die Jugendlichen kamen eher milde Strafen zu. „Das Verfahren gegen die Täter wird in der Regel gegen Auflagen eingestellt“, erläutert Elmas. Es müssen Sozialstunden absolviert werden, manchmal müssen die Täter ihre Schmierereien auch selbst entfernen.

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Geschnappt werden allerdings die wenigsten. Die Aufklärungsquote beim SG Sprayer lag 2015 bei 16,8 Prozent, 292 Fälle wurden zur Anzeige gebracht. Es entstand ein Sachschaden von rund 120 000 Euro. Damit stiegen die Straftaten im Vergleich zu 2014 sogar an.

Obwohl die Schmierereien seit 2008 nicht weniger geworden sind, sehen alle Beteiligten die „Vereinbarung einer Partnerschaft gegen Graffiti“ als Erfolg. Denn immerhin sei die Zahl der Anzeigen gestiegen, auch die Aufklärungsquote sei höher. Für das erste Halbjahr 2016 liegt sie bei rund 23 Prozent. Die Aussicht auf eine Belohnung wird bei Hinweisen auf die Täter hat daran aber nur einen minimalen Anteil: Oliver Gietzen ist erst der dritte Zeuge seit 2008, der für seinen Einsatz Belohnung erhält.

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