Sorge um Fortbestand

Kinderklinik seit einem Jahr ohne Chefarzt

Offenbach - Zu keiner medizinischen Einrichtung dieser Stadt haben ihre Bürger ein so enges emotionales Verhältnis wie zur Kinderklinik. Nun wird unter Kinderärzten Sorge laut um den Fortbestand der Institution. Von Thomas Kirstein 

Für die Kinderklinik zu spenden, ist Tradition: so auch für die ehemalige M.Schneider-Chefin Anita Ebeling, die 2011 Prof. Nader Gordjani einen Symbol-Scheck überreichte.

Der Krankenhaus-Förderverein unter dem Ehrenbürger und zeitweiligen ehrenamtlichen Klinikdezernenten Hermann Schoppe sammelte Geld für eine Einrichtung, deren Atmosphäre Kindern das Patientendasein erleichtert. Nicht zuletzt Aktionen unserer Zeitung oder von örtlichen Wohltätigkeitsclubs förderten eine Spendenbereitschaft, die frühere Klinikchefs zu den meist fotografierten Personen der Stadt machten. Seit einem Jahr fehlt ein Chefarzt, der im weißen Kittel einen symbolischen Scheck für die Ausgestaltung der Kinderklinik entgegen nehmen könnte.

Seit 1. Juli 2013 ist das einstige städtische Klinikum zwangsprivatisiert und Teil des bundesweit agierenden Sana-Konzers. Kinderklinik-Chefarzt Prof. Dr. Nader Gordjani, der 2004 auf den langjährigen und für den Kinderklinik-Neubau maßgeblich verantwortlichen Chef Dr. Wolfgang Evert gefolgt war, räumte seinen Stuhl. Dies wohl auf Betreiben der noch von der Stadt als Saniererin geholten Übergangsgeschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz. Wie ein Arbeitsgerichtsprozess nahe legt, ging er nicht freiwillig. Als Nachfolger kam Prof. Dr. Markus Rose. Der musste im Oktober 2015 gehen.

Die seitdem andauernde Vakanz und weitere personelle Entwicklungen sind für den Rumpenheimer Kinderarzt Dr. Matthias Gründler – er ist auch Sprecher seiner hiesigen niedergelassenen Kollegen – Anlass zur Sorge. „Steht die Offenbacher Kinderklinik zur Disposition?“, fragt er. Gründler blickt zurück in den Sommer 2015: „Da war die Welt für Kinder- und Jugendärzte in Offenbach noch in Ordnung: ein sehr engagierter Chefarzt mit einem tollen Team, sehr gute Zusammenarbeit im Interesse unserer jungen Patienten, Aufbau einer Kinderschutzambulanz in Kooperation mit dem Jugendamt, sehr gute Fortbildungsveranstaltungen, angenehmes Betriebsklima, gute Belegungszahlen...“

Und seitdem? Die Trennung von Chefarzt Rose sei im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt, heißt es vor einem Jahr offiziell. Doch das nimmt niemand dem Gesundheitskonzern ab. Die Kinderärzte der Stadt protestieren gegen die faktische Entlassung und verlangen die Weitereinstellung von Rose. Ohne Erfolg. In einem Treffen beruhigte Verwaltungschef Sascha John die Niedergelassenen und stellte Informationen zur Stellenbesetzung in Aussicht. Die kommissarische Leiterin Dr. Judith Jochim mache einen hervorragenden Job, schreibt Kinderarzt Gründler nun, doch habe einiges, was an Kooperation vereinbart worden sei, „mangels ‚manpower’ gecancelt werden“ müssen.

Gesundheitstage am Klinikum

Nicht nur sei es der Klinikleitung nicht gelungen, in zwölf Monaten einen Nachfolger für Prof. Dr. Rose zu finden. Zudem habe eine Oberärztin die Klinik verlassen. „Wie geht’s jetzt weiter?“, fragt Gründler und weiß sich mit seinen Sorgen nicht allein. Die Bedenken teilten seine zehn Kolleginnen und Kollegen in der Stadt: „Natürlich haben wir sehr viele Kliniken und Spezialisten hier im Rhein-Main-Gebiet, aber wir möchten für unsere Patienten und ihre Eltern die Nähe zu ‚unserer Kinderklinik’ erhalten!“ Die örtlichen Kinderärzte wollen wissen, wie die konkreten Planungen der Sana-Geschäftsleitung aussehen. Eine aktuelle Antwort gibt es darauf vorläufig nicht – sowohl Geschäftsführer John als auch der ärztliche Direktor Prof. Dr. Norbert Rilinger sind derzeit im Urlaub.

Vom Starkenburgring verlautete gestern indes, dass es keinen Anlass zur Sorge um den Fortbestand der Offenbacher Kinderklinik gebe: „Dieser Fachbereich ist aus Sicht des Sana-Klinikums ein unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Stadt und Kreis.“ Die kommissarische Leiterin Judith Jochim sei seit vielen Jahren in der Kinder- und Jugendmedizin des Krankenhauses tätig. Der ärztliche Vize-Direktor Prof. Dr. Harald Klepzig unterstütze Jochim und ihre 28 Mit-Ärzte. Damit sei eine klinische und ärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit hoher medizinischer Qualität stets gewährleistet. „Die vakanten Positionen werden so schnell wie möglich nachbesetzt“, hieß es gestern zudem aus der Pressestelle.

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