Gelähmter will Gerechtigkeit, Angeklagter leugnet Tat

Mark Herbert: „In mir herrscht ein Gefühlschaos“

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Bild zum ersten Prozesstag. Weitere Motive in der Bildergalerie.

Offenbach - Im Sommer 2012 wurde Mark Herbert am Bieberer Aussichtsturm fast totgeprügelt. Nach drei Jahren Suche wurde im vergangenen September der Tatverdächtige Sven R. festgenommen. Gestern hat am Darmstädter Landgericht der Prozess gegen ihn begonnen.

Doch der Angeklagte bestreitet jegliche Schuld. Mark Herbert sitzt in seinem Rollstuhl. Vor ihm sind zwei Bildschirme befestigt, ein knubbeliger Lenkknauf ragt an einem Metallgestell über seine Schulter. Die Arme hängen auf den Lehnen, die Finger fallen zu einer schlaffen Faust. Doch seine Augen huschen nervös von rechts nach links. „In mir herrscht ein Gefühlschaos“, sagt er. Wenige Minuten später beginnt der Prozess gegen den Mann, der ihn vor vier Jahren fast getötet haben soll. Dem Offenbacher Sven R., heute 30 Jahre alt, wird vorgeworfen, Mark Herbert beim Bieberer Aussichtsturmfest am 25. August 2012 in den Rollstuhl geprügelt zu haben. Laut Anklage hat R. den damals 23 Jahre alten Herbert mit dem Kopf gegen die Mauer des Aussichtsturms geschlagen und später, als Herbert schon am Boden lag, auf ihn eingetreten. Die Folgen: drei gebrochene Wirbel. Herbert musste notoperiert werden, überlebte nur knapp, ist seitdem auf Pflege angewiesen, wird nie mehr laufen können.

Mehr als drei Jahre haben die Ermittler nach dem Täter gefahndet. Hinweise auf den mutmaßlichen Schläger Sven R. gab es schon früh. Jedoch nur anonyme. Erst nachdem Herberts Geschichte im August 2015 bei „Aktenzeichen XY...ungelöst“ gezeigt wird, gehen verlässliche Zeugenaussagen bei der Polizei ein. Aufgrund derer wird Sven R. am 3. September 2015 festgenommen. Beim gestrigen Prozessauftakt treffen die beiden Männer zum ersten Mal nach der Attacke aufeinander. Sven R., etwa 1,70 Meter groß, sportliche Statur, Kurzarmhemd und gegelter Seitenscheitel, bestreitet jegliche Schuld.

Stockend liest der Angeklagte seine mehrseitige Einlassung vor, mit der er das Bild eines fürsorglichen Vaters zeichnet. Er berichtet von seinen beiden Kindern und seiner Verlobten. Er liebe seine Familie, stehe auch seinen Schwiegereltern sehr nahe. „Ich bin kein schlechter Mensch, ich habe das nicht begangen“, sagt R. mit brüchiger Stimme. Dass er schon mehrmals wegen Körperverletzung aufgefallen ist, schiebt er auf Drogen. Seit 2006 habe er viel Kokain und Alkohol konsumiert und sei deshalb gereizt und aggressiv gewesen. Der Angeklagte beteuert, dass er 2012 jedoch keine Drogen konsumiert habe. Auch nicht an dem Tag, als er auf Mark Herbert trifft.

Aus Sicht von Sven R. ist der 25. August 2012 so abgelaufen: Er besucht zunächst das Kickers-Spiel auf dem Bieberer Berg. Anschließend trifft er sich mit einer Freundin auf dem Aussichtsturm. Etwa eine Stunde nach ihm erscheint Mark Herbert. „Er hat sicher Drogen genommen, denn er war total hyperaktiv“, sagt der Angeklagte. Herbert sei auf der Plattform herumgelaufen, habe gepöbelt, erst ein paar Kinder und dann ihn angerempelt: „Er war sehr aggressiv, auch körperlich.“ Laut R. habe Herbert gefordert, die Diskussion unten, am Fuße des Turms, weiterzuführen.

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Nach einer Rangelei auf dem Boden, so der Angeklagte weiter, habe Herbert ihn „wie ein Stier“ gerammt. Dabei sei er selbst mit dem Kopf und dem Rücken gegen die Turmmauer gestoßen, so R. Er sei völlig benommen gewesen und habe sich nur noch daran erinnern können, dass Mark Herbert bereits am Boden gelegen und mit den Armen gefuchtelt habe. Glaubt man R.s Verteidiger Armin Golzem, hat sich Mark Herbert die schweren Verletzungen bei dem Angriff auf den Angeklagten selbst zugezogen.

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Mark Herberts Anwalt Jörg Dietrich bezeichnete die Darstellung des Angeklagten dagegen als „völligen Humbug“, die seinem Mandanten zusetzten. „Das geht schon schwer an die Nieren.“ Die Vorgeschichte des Angeklagten spreche ein anderes Bild. Es gebe Zeugen, die hätten gesagt, dass halb Offenbach vor dem 30-Jährigen Angst habe, so Dietrich. Auch werde gemunkelt, dass R. Kontakte zu Rockerbanden habe. So es sein körperlicher und psychischer Zustand erlauben, will Mark Herbert bei allen Verhandlungen anwesend sein, bei der nächsten, am morgigen Freitag, wird er als Zeuge aussagen. Gerechtigkeit ist ihm wichtig. Das Strafmaß hingegen nicht unbedingt, sagt sein Anwalt: „Wir wollen Gerechtigkeit. Im Urteil sollte stehen, dass der Mann versucht hat, jemanden zu töten.“

op

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