Zweifel an Neutralität des Gutachters

Mark-Herbert-Prozess: Doch noch kein Schlussstrich

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Der Angeklagte Sven R. inmitten seiner Verteidiger Armin Golzem (links) und Heinz-Jürgen Borowsky. Hinten: der medizinische Gutachter Dr. Matthias Kettner. 

Offenbach - Zeugen angehört, Tatort betrachtet, Gutachter befragt. Wochen hat das Darmstädter Landgericht nun schon im Fall von Mark Herbert verhandelt, der beim Aussichtsturmfest vor vier Jahren fast totgeprügelt wurde. Gestern sollte das Urteil über den mutmaßlichen Schläger Sven R. fallen. Doch die Entscheidung wurde vertagt.

Menschen mit Mikrofonen, Kameras und Notizblöcken drängen durch die Tür des Gerichtssaals. Jeder will ein Bild, einen O-Ton, gestern, am wichtigsten Tag der Verhandlung, an dem der mutmaßliche Schläger von Mark Herbert verurteilt werden soll. Doch so weit kommt es nicht. Nach etwa einer Stunde verkündet die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff, dass an diesem Mittwoch keine Entscheidung fallen wird. Das Urteil wird vertagt auf den 29. August. Grund: Die Verteidiger des Angeklagten Sven R. haben erneut Anträge gestellt, die ihren Mandanten entlasten sollen.

Gleich zu Beginn der Verhandlung lassen Heinz-Jürgen Borowsky und Armin Golzem die Bombe platzen: Sie glauben, der Gutachter Dr. Matthias Kettner sei befangen. Der Rechtsmediziner hatte vergangene Woche seine Untersuchungsergebnisse präsentiert, die die Version des Angeklagten entkräften. Laut Sven R. hat sich Herbert die verheerenden Verletzungen, unter anderem zwei gebrochene Halswirbel, selbst zugefügt. Er sei „wie ein Stier“ gegen ihn gerannt und dann mit dem Kopf gegen die Mauer geknallt. Dr. Kettner hält das für nicht nachvollziehbar.

Borowsky, der im vergangenen Jahr den Schläger Sanel M. im Tugce-Prozess vertrat, stellt deshalb den Befangenheitsantrag. Die Ausführungen, wie die Verletzungen bei Herbert zustande kamen, ließen sich in der wissenschaftlichen Literatur nicht belegen, sagt der Anwalt. Zudem verlangte er die Verlesung von Vernehmungsprotokollen des Opfers, weil diese im Widerspruch zu der in der Hauptverhandlung gemachten Schilderung des Vorfalls stünden.

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Borowsky und Kollege Armin Golzem zeigen sich seit Prozessauftakt spitzfindig. Sie hinterfragen Zeugenaussagen en detail, achten penibel auf gerichtliche Abläufe, stellen die Kompetenz der Sachverständigen in Frage, haben stets Entschuldigungen für das Verhalten ihres Mandanten. So auch für dessen Wutausbrüche am Telefon. Armin Golzem fordert gestern, einen Arztbrief zu verlesen, der belege, dass der Angeklagte auf dem linken Ohr schwerhörig sei. „Das erklärt, wieso er unnötig laut telefoniert.“

Das gestrige Manöver der beiden Verteidiger beeindruckt selbst Mark Herberts Anwalt Jörg Dietrich: „Herr Borowsky macht das gut, er versucht, Fehler des Gerichts anzufechten und zu provozieren.“ Dennoch ändere das nichts an der Schuld des Angeklagten, sagt Dietrich weiter. Die Vertagung sei keine Chance, nur ein Strohhalm, an den sich die Verteidigung klammere.

Eindrücke des Prozessauftakts

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Ärgerlich ist die Verzögerung besonders für Mark Herbert und dessen Angehörige. Gestern sind Dutzende Verwandte und Freunde nach Darmstadt gekommen, so viele wie noch nie. Mit hängenden Schultern verlassen sie am Mittag den Saal. Einige Meter hinter ihnen rollt Nebenkläger Herbert durch die Tür. An jedem Prozesstag war er dabei. Bisher. Denn sein Vater, der ihn gewöhnlich zum Landgericht fährt, hatte sich für die festgesetzten Verhandlungstermine Urlaub nehmen können. Ob er nun erneut frei bekommt, ist ungewiss.

Mark Herbert quält aber noch etwas anderes: „Ich habe gehofft, heute einen Schlussstrich unter das Ganze zu ziehen.“ An der Tatsache, dass Sven R. schuldig sei, ändere das aber nichts, sagt Herbert mit fester Stimme. Nach der Verhandlung macht ein guter Freund des Opfers seiner Wut Luft: „Der soll einfach nur weggesperrt werden“, fordert der Kumpel. Die Staatsanwaltschaft hat Sven R. wegen versuchten Totschlags angeklagt. Ob das Gericht sich dieser Meinung anschließt, zeigt sich in einem Monat.

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