Gutachter sagen aus

Mark-Herbert-Prozess: „Wut ist keine Krankheit“

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Der Angeklagte Sven R. während des Prozessauftaktes.

Offenbach - Viele Zeugen, viele Versionen des Geschehens – im Prozess gegen den mutmaßlichen Schläger von Mark Herbert gehen die Aussagen über den Tathergang auseinander. Ein medizinischer Gutachter hat die Schilderungen mit den Verletzungen des Opfers abgeglichen. Und gestern die plausibelste dargestellt.

Der Angeklagte sitzt starr im holzvertäfelten Saal. Seine Hände liegen flach auf den Oberschenkeln. Er bewegt sich selten und kontrolliert. Sein Blick wandert nie nach links. Dort sitzt der Nebenkläger Mark Herbert im vollautomatischen Rollstuhl. Der Beschuldigte Sven R. soll ihm vor vier Jahren beim Aussichtsturmfest zwei Halswirbel gebrochen haben. „Ich bin nicht der harte Schläger“, sagt der Angeklagte gestern beim siebten Verhandlungstag am Darmstädter Landgericht. Zum Prozessauftakt hatte Sven R. bereits seine Unschuld beteuert, danach schwieg er. In seiner gestrigen Einlassung sagt R.: „Dieser tragische Zufall tut mir sehr leid für Herrn Herbert.“ Denn nach der Version des Angeklagten hat am 25. August 2012 das Opfer angegriffen. Herbert soll den Angeklagten „wie ein Stier“ gegen die Turmmauer gerammt und sich dabei die schweren Wirbelbrüche zugezogen haben.

Diese Schilderung hat der Rechtsmediziner Matthias Kettner in seinem gestrigen Gutachten entkräftet. Der Arzt hatte die Verletzungen Herberts zunächst mit den Aussagen des Angeklagten verglichen. Zwei Halswirbel des Opfers, so der Sachverständige, hätten einen Spaltbruch davongetragen. Ähnliche Traumata kenne man von Motorradfahrern, die frontal gegen eine Betonwand knallten, führt der Mediziner weiter aus. Dafür seien enorme Kräfte vonnöten. Der Arzt bezweifelt, dass das Opfer diese Wucht allein aufgebracht haben könnte. Für nachvollziehbar hält der Experte jedoch Mark Herberts Schilderung der Tat: „Ich wurde von hinten gepackt und gegen die Mauer geschleudert, dann hörte ich einen lauten Knall und Pfeifen“, sagte er am zweiten Verhandlungstag.

Schürfungen und blaue Stellen am ganzen Körper seien Indiz dafür, dass auch die Aussagen der Ersthelfer Markus M. und Martin J. plausibel scheinen, ergänzt Kettner. J. hatte beobachtet, wie mehrmals auf das wehrlose Opfer eingetreten wurde. M. schilderte, dass der Täter Herbert mit dem Rücken gegen den Turm schleuderte.

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Auch das Fazit der Psychiaterin Christel Hantschmann entlastet den Angeklagten nicht. Die Sachverständige hatte geprüft, ob Sven R. an einer psychischen Krankheit leidet, die seine Schuldfähigkeit mildern würde. Gespräche konnte die Ärztin mit dem Angeklagten nicht führen, daher studierte sie seine Vita, schloss aus den abgehörten Telefongesprächen und Zeugenaussagen.

Daraus werde deutlich, dass Sven R. unangemessen aggressiv auf Kleinigkeiten reagiere, schildert Hantschmann. Dennoch, das betont die Expertin, könne er sich steuern. „Als die Ersthelfer an den Turm gekommen sind, hat er sich vom Tatort entfernt“, nennt sie als Beispiel, dass sich der Angeklagte unter Kontrolle habe. „Das unterscheidet ihn von einem psychisch Kranken.“ Es gebe „keine belastbaren Befunde, dass er unter einer Persönlichkeitsstörung leidet“, sagt die Psychiaterin und ergänzt: „Aggressivität und Wut sind keine Krankheit.“ Sven R. habe sich bewusst dazu entschieden, anzugreifen. Und das nicht nur das eine Mal am Aussichtsturm: Laut eines ehemaligen Bekannten habe sich der Offenbacher gezielt leichte Opfer gesucht, sie provoziert, dann niedergeprügelt. Die psychologische Gutachterin sieht das als typisch für jemanden mit geringer Frustrationstoleranz, geringer Empathie und geringem Selbstwertgefühl. „So erlangen sie Stärke.“

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Auch Vorstrafen kommen gestern zur Sprache. Der Angeklagte stand bereits mehrfach vor Gericht, unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung. Die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff kündigt an, auch den Vorwurf des versuchten Totschlags in Betracht zu ziehen. Die Staatsanwaltschaft hatte das von Beginn an gefordert, das Gericht zunächst jedoch nur von gefährlicher Körperverletzung gesprochen. Das Urteil wird für kommenden Mittwoch, 27. Juli, erwartet.

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