Elf Jahre Haft im Fall Mark Herbert

In den Rollstuhl geprügelt: Sven R. verurteilt

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Der Angeklagte Sven R. während des Prozessauftaktes.

Offenbach - Ein Dutzend Verhandlungstage, unzählige Zeugen und Beweisanträge, mehrfach verschobene Plädoyers - die Nerven aller Beteiligten wurden bis aufs äusserste strapaziert. Heute ist nun endlich vor dem Landgericht Darmstadt das Urteil im Mark-Herbert-Prozess gefallen. Und das hat es in sich. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Elf Jahre Gefängnis wegen versuchtem Totschlag in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung bekommt der Angeklagte und einschlägig vorbestrafte Sven R. aus Offenbach aufgebrummt. Damit liegt die Strafzumessung sogar noch über der von Staatsanwalt Dirk Schillhahn. Der hatte die Tat mit den furchtbaren Folgen als ohne Tötungsabsicht eingestuft und „nur“ neun Jahre gefordert. Nebenklagevertreter Jörg Dietrich hingegen nahm gar das Wort Sicherungsverwahrung in den Mund und befand nicht weniger als zwölf Jahre für angemessen. Die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff in ihrer Urteilsbegründung: „Der Angeklagte hat in Herrn Herbert ein willkommenes, ihm physisch nicht gewachsenes Opfer gefunden, an dem er seine Aggression auslassen konnte. Eine mögliche Todesfolge seiner Brutalität nahm er billigend in Kauf!“

Das Urteil mag eine gewisses Genugtuung für den 27-jährigen Geschädigten sein. Die Schwere der körperlichen Folgen kann es natürlich nicht mildern. Mark Herbert ist seit der Tat vom Hals ab querschnittsgelähnt, kann sich nur mit Hilfe eines technisch aufgerüsteten Rollstuhls fortbewegen. Trotzdem verfolgte er als Nebenkläger jeden Prozesstag. Für die Zuschauer deutlich sichtbar: das Datum des Tattags, dass er sich mit seinem „Lebensbaum“, dem Wappen der Stadt Offenbach, hinter das rechte Ohr tätowieren ließ. Der Tag, an dem sein kurzes Leben ohne schnelle Hilfe und einer Notoperation womöglich zuende gewesen wäre. Bis zum Schluß hatte der 30-jährige R. beteuert, nicht für die schweren Folgen der Schlägerei verantwortlich zu sein, die beim Aussichtsturmfest am 25. August 2012 auf dem Bieberer Berg das Leben von Herbert für immer veränderten. In dem ihm zustehenden Schlußwort wiederholt er dies nochmal: „Ich bereue jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, zu diesem Fest gegangen zu sein und mich auf die Konfrontation mit Herbert eingelassen zu haben. Aber ich habe ihn niemals an die Turmwand geschleudert.“

Alles zum Fall von Mark Herbert 

Die Turmwand - der Knackpunkt der kontroversen Verhandlung. Keiner der Zeugen hatte explizit gesehen, dass der trainierte Boxer R. den angetrunkenen und unter Drogen stehenden Kontrahenten mit dem Kopf voran dagegen schleuderte. Lediglich Mark Herbert selbst sagte aus, dass dies so passiert sei und ihm danach die Lichter ausgingen. Drei Halswirbel erlitten Spalt- und Berstungsbrüche, dass Rückenmark nahm Schaden. R. dagegen behauptet, Herbert habe ihn selbst mit dem Kopf gegen die Mauer gerammt und sich dabei wohl die Brüche zugezogen.

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Was mehrere Zeugen aber bestätigen: Als der Verletzte schon am Boden liegt, soll R. weiter auf den leblosen Körper eingeschlagen und getreten haben. Dann sei er geflüchtet. Obwohl man R. seitens der Staatsanwaltschlaft schon länger in Verdacht hatte, reichten die Hinweise lange nicht aus, um ihn dingfest zu machen. Fast drei Jahre und eine Aktenzeichen-XY-Sendung dauerte es, bis die Verdachtsmomente und Zeugenaussagen eine vorläufige Festnahme rechtfertigten. Bei der Tat am Aussichtsturm stand R. noch unter laufender Bewährung. Am 2. Januar 2015 machte er sich einer weiteren Körperverletzung während eines Kneipenbesuchs schuldig.

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