Walz führt Schreiner Mathias Franzreb bis nach Neuseeland

Der Weltenwanderer aus Offenbach

Offenbach - Drei Jahre und neun Monate war Mathias Franzreb aus Rumpenheim auf der Walz. Reiste, arbeitete auf der ganzen Welt. In all der Zeit durfte Mathias nicht nach Hause. Nun ist der 23-Jährige zu seiner Familie zurückgekehrt. Und ist fast schon wieder auf dem Absprung. Von Sarah Neder

Nach drei Jahren und neun Monaten: Als Mathias Franzreb nach Hause gekommen ist, musste er über das Ortsschild klettern.

Mathias Franzreb, blondiertes langes Haar unter dem Hut, Schlaghose, Weste, Lederjacke, hievt sich aufs Ortsschild, drückt die Beine gegen das gelbe Metall und blickt runter auf zwei Welten: Links seine Kameraden; jahrelang haben sie ihn begleitet, trennten sich, trafen sich. Rechts seine Familie; sehnsüchtig hat sie auf ihn gewartet. Trafen sich, trennten sich. Die Kameraden sagen heute auf Wiedersehen. Die Familie, endlich, willkommen zu Hause. Denn der Wandergeselle Matthias ist als Sohn und Bruder wieder daheim. Nach drei Jahren und neun Monaten. Die Wanderschaft ist etwas, das komplett aus der Zeit gefallen scheint. Wer auf der Walz ist, hat kein Handy oder eine Kreditkarte. Gereist wird per Anhalter, gepennt dort, wo man dazu eingeladen wird. Wer auf Walz gehen will, muss ungebunden sein, darf keine Frau, keine Kinder, keine Verträge, keine Schulden haben. Als Mathias ging, hatte er die Schreinerlehre gerade hinter sich. Er war 19. Ein Teenager. Groß, schlacksig, schüchtern auch. „Ich hab’ die Zähne nicht auseinander bekommen“, sagt er über früher. Er redete schnell und undeutlich. In der Schule wurde er deshalb gehänselt. Fremde ansprechen? Nicht sein Ding.

Dennoch will Mathias weg von zu Hause, Verzicht üben, Abenteuer erleben. Entwickelt Wanderlust. „Es hat mich begeistert“, sagt Mathias. Er informiert sich, fährt zu Treffen. Ein halbes Jahr später, am 21. August 2012 klettert Mathias aufs Rumpenheimer Ortsschild, springt auf der anderen Seite herunter und geht los. Ohne sich umzudrehen. Die Walz versteht nur, wer sie erlebt hat. Sie besteht aus unzähligen Bräuchen und Regeln. Ein Wandergeselle ist stets höflich, dankbar, fleißig. Die Walz hat sogar ihre eigene Sprache. Der Wanderstab heißt Stenz, das Hemd Staude, das spärliche Gepäck wird im Charlottenburger verstaut. Jede Zunft hat zudem ihre Eigenarten: spezielle Kleidung, Sprüche, Lieder. Die Freien Vogtländer, zu denen Mathias gehört, nennen sich Spinner, tragen ihre Ehrbarkeit als Anstecknadel, das Hemd ist kragenlos, Perlmutt-Knöpfe zieren die Kluft.

Um all das zu begreifen, wird Mathias am Anfang seiner Reise von einem erfahrenen Kameraden begleitet. Heinrich, ein Maurer, zeigt ihm die Grundlagen fürs Leben auf Wanderschaft: Er lernt, wie man trampt, wie man an einen Schlafplatz und Arbeit kommt. Sie reisen zunächst durch Deutschland, Österreich, die Schweiz. Im ersten Jahr bleiben die Gesellen im deutschsprachigen Raum. Als Einstieg. „Dort kennen mehr Menschen die Tradition, das macht es für uns einfacher“, sagt Mathias.

Die Walz ist etwas Unberechenbares. Nichts, das man planen kann, keine Reise zu einem bestimmten Ziel. Mathias lebt von Auftrag zu Auftrag. Im November 2013 heuert er auf dem aus einer Bier-Werbung bekannten Windjammer Alexander von Humboldt an. Drei Monate segelt er um die Kanaren, hilft der Crew, baut Schränke, Tische, Stühle, bereist Spanien, Frankreich, Italien. Die Walz ist eine Urform des Work and Travel. Junge Menschen bieten ihre Arbeit an, bekommen im Gegenzug eine Unterkunft, Essen, etwas Geld. Das reicht nicht, um etwas zu sparen, sondern gerade so, um die Reise zum nächsten Arbeitgeber bezahlen zu können.

Weltreise: Günstig um die Erde fliegen

Im dritten Jahr wandert Mathias vier Monate durch Neuseeland. Er trifft viele Gleichaltrige, die dort arbeiten und reisen. Doch zu vergleichen, sagt er, sei das nicht. Denn mit der Walz gehe eine Verantwortung für alle anderen Wandergesellen einher. „Du stehst ständig in der Öffentlichkeit“, sagt er, „da musst du schon mal Dinge runterschlucken und höflich bleiben, auch wenn’s schwer fällt.“ Die Walz ist für die Gesellen wie eine Arbeitsbörse. Mathias hat auf der Reise eine Stelle in Niederbayern gefunden. In einer Woche wird er dorthin ziehen. Eine Wohnung hat er auch schon.

In Offenbach zu bleiben, ist für Mathias keine Option, sagt er. Denn sein Leben ist nicht mehr das gleiche. Er selbst auch nicht. Die Walz hat ihn verändert. Den stummen, schüchternen Mathias gibt es nicht mehr. „Heute halte ich gern mal ein Schwätzchen“, sagt er. Die Wanderschaft ist eine Lebensschule. Sie schweißt zusammen. Trennt aber auch über viele Jahre. Als Mathias nach Hause kommt, hat seine Familie ein großes Fest vorbereitet. Freunde, Verwandte, Bekannte, sind gekommen. Sie warten, bis Mathias seine letzte Etappe beendet hat, auf der ihn ein Dutzend Gesellen begleitet. Wenn er übers Ortsschild klettert, ist er wieder zu Hause. Die Kameraden stellen sich in Zweierreihen vors gelbe Schild und bilden Sprossen mit ihren Stöcken. Mathias nimmt die wackelige Treppe in drei großen Schritten, zieht sich mit den Armen hoch, wirft ein Bein übers Metall und blickt runter auf zwei Welten.

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