Schicksal von Kranken

Privater Transportdienst zeigt wenig Interesse 

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Für die Beförderung von Patienten, die keine Notfälle sind, beauftragen Krankenhäuser private Transportunternehmen. Das ist gesetzlich festgelegt, da es billiger ist als der Transport im Rettungswagen mit entsprechender Ausstattung und Personal.

Offenbach - Private Krankentransportunternehmen kosten die Krankenkassen weniger Geld als Fahrten mit einem qualifiziertem Rettungsdienst. Daher sind Krankenhäuser gesetzlich verpflichtet, diese zu beauftragen, sofern kein akuter Notfall vorliegt. Meist geht dies gut – aber nicht immer, wie ein aktueller Fall verdeutlicht. Von Veronika Schade 

 Lisa Wahl-Hieronymi schüttelt den Kopf. „Das ist menschenunwürdig.“ Die Erinnerung an den Tag lässt sie immer noch schaudern. Als sie einen liebgewonnen, pflegebedürftigen Menschen, den sie in sicheren Händen glaubte, auf einmal vor ihrer Haustür fand. Vor Kälte zitternd und fast nackt, zurückgelassen von einem Krankentransportdienst, dem das offensichtlich egal war.

Doch der Reihe nach. Als der Ehemann einer verstorbenen Freundin vor vier Jahren einen Schlaganfall erleidet, nimmt die Biebererin ihn auf. Im Nachbarhaus stellt sie ihm eine Wohnung zur Verfügung und kümmert sich mit ihrem Mann um den halbseitig Gelähmten. Im vergangenen Jahr entscheiden sie sich, den 69-Jährigen in ein Pflegeheim zu geben. Seine Demenz schritt voran, er baute physisch ab, die Pflege ist ihnen trotz Unterstützung durch eine Fachkraft körperlich nicht mehr zumutbar.

Immer wieder kommt er seitdem wegen verschiedener Leiden ins Sana-Klinikum, so auch an besagtem Tag. Wahl-Hieronymi ahnt nichts, bis auf einmal die Nachbarin aufgeregt klingelt. Eben sei der Mann im Haus abgeliefert worden. Die beiden wollen die Transporteure aufhalten, machen sie darauf aufmerksam, dass er mittlerweile im Pflegeheim wohnt. Doch die fahren davon mit der Aussage „Wir haben die Anweisung. Er wohnt hier“. Wahl-Hieronymi kann es immer noch nicht fassen. „Er saß im Flur auf einem Stuhl, schlotterte, trug nur ein papiernes Krankenhaushemd. Er fing an zu weinen, es war schrecklich.“

Als sie im Klinikum anruft, heißt es, er könne in drei Stunden abgeholt werden. Im Pflegeheim reagiert man völlig überrascht. „Zum Glück hat ein Fahrer von dort ihn nach einer Stunde abgeholt“, sagt sie und will Aufklärung: „Ich möchte keinen beschuldigen. Aber das gibt einem zu denken, wie mit hilflosen Menschen verfahren wird. Es kann jeden von uns treffen.“

Der Gesundheitszustand des Patienten habe keine stationäre Aufnahme erfordert, heißt es auf Anfrage beim Sana-Klinikum. Sein Transport in die Wohnung sei legitim gewesen: „Dem Fahrdienst wurde der erforderliche Transportschein mit dem Adressaufkleber mitgegeben, der die Daten der elektronischen Gesundheitskarte enthielt.“ Das Heim oder die Betreuerin hätten es wohl versäumt, die Adressänderung der Krankenkasse zu melden.

Dass ein privater Dienstleister die Fahrt übernimmt, ist gesetzlich in den Krankentransport-Richtlinien festgelegt. Maßgeblich für die Wahl des Beförderungsmittels sei „die zwingende medizinische Notwendigkeit im Einzelfall unter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebots“. So dürfe ein Rettungswagen ausschließlich für den Transport von Notfallpatienten zum Einsatz kommen. „Andernfalls übernimmt die Krankenkasse die Kosten nicht“, erklärt Klinikum-Sprecherin Marion Band.

Das Klinikum habe, sofern der Patient nicht selbst in der Lage sei, nach Hause zu fahren, eine Liste von Krankentransportunternehmen, die bei Bedarf abtelefoniert werde. „Der erste, der zusagt, bekommt den Auftrag“, sagt sie. Die Kosten seien, wie bei Taxiunternehmen, nach einem Regelsatz berechnet.

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In diesem Fall sei der Patient bei Einlieferung in die Notaufnahme nur mit einer Windel und einem T-Shirt bekleidet gewesen. „Bei der Entlassung trug er unser Patientenhemd, weil sein eigenes T-Shirt verschmutzt und völlig nass geschwitzt war“, so Band. Während der Fahrt sei er mit einer Decke warm eingepackt gewesen. „Der Pflegedienst ging davon aus, dass er zuhause gleich in sein Bett zurückkehren würde.“

Dass die Transporteure sich trotz der Einwände von Wahl-Hieronymi und der Nachbarin nicht weiter um sein Schicksal scherten und weder dem Klinikum noch dem Pflegeheim Rückmeldung gaben oder nachfragten, sei bedauerlich: „Ein Anruf von ihnen in einer der Einrichtungen hätte genügt, um die Situation im Sinne des Patienten zu klären.“ Das Sana-Klinikum nehme den Vorfall zum Anlass, „kritisch zu prüfen, ob dem betroffenen Transportunternehmen künftig noch Patienten anvertraut werden“.

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