Zahlungen seit 2010 verweigert

70 bis 80 Bewohner ohne Wasser, Heizung und Strom

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Die Belegung des Hauses Luisenstraße 24 ist recht unübersichtlich, wie die Briefkästen ahnen lassen.

Offenbach - Seit einer Woche sind die geschätzt 70 bis 80 Bewohner des Hauses Luisenstraße 24 ohne Wasser, Heizung und Strom. Von Thomas Kirstein

Die Energieversorgung Offenbach (EVO) hat die Zuleitungen gekappt, nachdem die Eigentümer nicht zur Begleichung von Außenständen in fünfstelliger Höhe zu bewegen sind. Angebote, selbst die aktuellen Abstandszahlungen zu übernehmen, haben die Mieter offenbar nicht angenommen. Nach gut vier Jahren ist der Energieversorgung Ende Januar der Geduldsfaden gerissen. Eine Tiefbaufirma wird beauftragt, das Haus Ludwigstraße 24 trocken zu legen. Das kommt nicht über Nacht. Mehrfache Aushänge haben laut EVO-Sprecher Harald Hofmann die Mieter der 13 Wohnungen von der drastischen Maßnahme informiert. Die im Sommer 2014 vorgeschlagene Lösung, Abschläge aufs Wassergeld künftig nicht mehr den Eigentümern, sondern direkt der EVO zu überweisen, seien ohne Reaktion geblieben.

Von den Besitzern hat der Versorger – der nicht bestätigen will, dass es sich um Außenstände von 50.000 Euro handelt – bislang nichts holen können. Seit 2010 werden Mahnungen geschrieben, bemühen sich Rechtsanwälte, versuchen Gerichtsvollzieher, Vollstreckungsbescheide zuzustellen. In der Masse geht es um die neun Wohnungen im Besitz von Dedel K. (vier Wohnungen haben unterschiedliche Besitzer): Der hält sich aber unerreichbar in seiner Heimat Türkei auf, wo nicht vollstreckt werden kann. K. hat jedoch hierzulande einen notariell Bevollmächtigten. Zeki Selenga, der sich jetzt auch zum Anwalt „der ehrlichen Mieter“ macht, beklagt eine hohe Fluktuation im Haus, sagt, dass vier Mieter gar nichts zahlten, und gibt zu, dass jahrelang kein Abschlags-Euro an die EVO weitergeleitet worden sei. Dem Unternehmen schiebt er Teilschuld zu: Das trete erst seit Mitte 2014 so massiv auf, habe jetzt keine Geduld. „Das war zu knapp, wir hatten keine Chance mehr, zwei Raten von je 5000 Euro aufzutreiben“, sagt er.

Die EVO weist den Vorwurf zurück. Als nach den jüngsten Gesprächen wieder kein Geld geflossen sei, habe man eine Frist gesetzt, die Betroffenen informiert – und dann die Hähne zugedreht. Sprecher Hofmann: „Das war der letzte Warnschuss von vielen anderen Warnschüssen.“ Die EVO hatte wegen der Außenstände schon dreimal den Wasserzähler sperren lassen. „Ist aber, von wem auch immer, wieder geöffnet worden“, sagt Hofmann. Leidtragende der Eigentümer-Versäumnisse sind die regulären Mieter und alle, die sonst noch in dem innen ziemlich heruntergekommen wirkenden Haus leben. Sie sitzen auf dem Trockenen und im Kalten. Inzwischen sind acht der Bewohner an die Öffentlichkeit gegangen.

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In dem Haus lebten ältere Personen, die sich selbst nicht versorgen könnten, sowie Familien mit Kindern und Säuglingen seit einer Woche ohne Wasser und Heizung. „Für die meisten von uns ist es unmöglich, schnell eine andere Wohnung zu finden, die Marktlage und unsere finanzielle Lage sind dazu nicht geeignet“, heißt es in einem Brief an unsere Zeitung. Auch ans OB-Büro ergeht die Bitte um Hilfe, „neue, etwa gleichwertige Wohnungen zu finden oder dafür zu sorgen, dass die EVO die Wasserversorgung wieder aufnimmt“. So einfach ist das nicht. Der Langmut des Unternehmens scheint überstrapaziert, bei der Hilfe für die Bewohner könnten andere Stellen in der Stadt gefragt sein. Solche sind offenbar schon wegen des Anwesens an der Luisenstraße involviert gewesen. Das Sozialamt soll indes mit seinem Angebot an pflegebedürftige Bewohner, andere Unterkünfte zu finden, keinen Erfolg gehabt haben.

Nach Einschätzung von Ordnungsamtschef Peter Weigand liegt nach der Versorgungs-Kappung ein Fall gemäß Hessischem Wohnungsaufsichtsgesetz vor, mithin einer für die Bauaufsicht. Würde Obdachlosenunterbringung erforderlich, wäre das Sozialamt gefragt. Wenn sein Ordnungsamt die Zustände überprüfen solle, wäre ein Auftrag von übergeordneter Stelle nötig. Die EVO ändert von sich aus erstmal nichts. „Wir sind jederzeit zu Gesprächen bereit, erwarten aber, dass man sich an Vereinbarungen hält“, betont Sprecher Hofmann, der zudem klarstellt: „Es gibt kein Grundrecht auf Energie, man muss dafür bezahlen.“

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