Nachdenken über Radikalkur

OB und Baudezernat stellen Beschluss zu Maindeichsanierung infrage

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Für OB Horst Schneider und seine leitenden Mitarbeiter im Baudezernat ist das die „nachhaltige“ Variante. Eine Spundwand erhöht die Deichkrone, davor entsteht zum Main hin wieder eine Böschung wie bisher.

Offenbach - Das Regierungspräsidium in Darmstadt will nach mehrfacher Fristverlängerung am 23. November eine konkrete Antwort aus Offenbach vorliegen haben: Auf welche Weise gedenkt die Stadt ihren Maindeich dem Stand der Technik anzupassen? Von Thomas Kirstein 

Beschlusslage ist ein Kompromiss, der einen Teil der Bäume auf der Krone erhalten soll. Der Oberbürgermeister aber regt nun erneutes Nachdenken darüber an. Horst Schneider und seine Fachleute im Baudezernat würden die 2011 gefundene Lösung am liebsten kippen und durch eine ersetzen, die sie als für die Zukunft nachhaltigste erachten. Sie wissen, dass ihr Vorstoß erst einmal für Entsetzen sorgen wird: Beinhaltet er doch, dass alle Bäume gefällt werden. Und etwas teurer ist er auch. Die Stadt ist nicht aus eigener Initiative an die sogenannte Deichertüchtigung gegangen. Vielmehr hat das Land 2002 – damals trat die Elbe katastrophal über die Ufer – die Anpassung der Dämme auf ein Hochwasser angeordnet, das theoretisch alle 200 Jahre vorkommen kann. Wie die daraufhin bereits erneuerten Deiche in Rumpenheim und Bürgel ist auch der zwischen Carl-Ulrich-Brücke und Allessa-Gelände 40 Zentimeter zu niedrig; zudem gilt das von 1890 bis 1893 errichtete Bauwerk als stark sanierungsbedürftig.

Für die Ertüchtigung muss die Stadt tiefer in den Säckel greifen, weil sich niemand die vom Land finanzierte Minimalvariante einer metallenen Spundwand zumuten möchte. Für die gegenwärtig geltende Version wären bei Baubeginn im Jahr 2018 insgesamt 13,8 Millionen Euro fällig. Diese Lösung ist ein Kompromiss, der einem längeren Prozess entsprang, nachdem der Erhalt der auf dem Deich stehenden Bäume in den Mittelpunkt geraten war – aus ökologischer wie städtebaulicher Perspektive. Erstmals gab es bei einem Projekt dieser Größenordnung eine Bürgerbeteiligung. Dass Experten 2011 den Zustand der meisten Baum-Senioren als ziemlich schlecht beurteilten, wurde nicht als Argument für einen Kahlschlag gelten gelassen. Die derzeitige Planung sieht vor, 132 von 251 (2010 waren es noch 255) Bäumen zu fällen. Neu gepflanzt würden 134.

So schematisiert das Amt 60 die Auswirkungen der infrage stehenden Varianten auf den Baumbestand – links der beschlossene Kompromiss mit zu erwartenden Lücken und einer am Ende kleinwüchsigen Aufforstung, rechts die Radikallösung mit kleinwüchsiger Aufforstung und einem in einigen Jahrzehnten durchgängigen Bestand an dichten Kronen.

Die Baumrettung macht jedoch die Sache technisch komplizierter und hat ihren Preis. Markus Eichberger, der Chef des Amts für Stadtplanung und Baumanagement, und Sigrid Pietzsch, die Leiterin der Abteilung Grünwesen erläutern, was sie als erhebliche Nachteile dieser Variante erkennen: Zwar bleibt die Hälfte der Bäume stehen, jedoch hat davon ein großer Teil eine Lebenserwartung von keinen 20 Jahren mehr – sie wachsen in einem künstlich aufgeschütteten Bauwerk, leiden unter Trockenheit; jedes Jahr müssen weitere herausgenommen werden, umgehende Nachpflanzung ist nur möglich, wenn die Lücken groß genug geworden sind; Folge wäre ein „uneinheitliches Vegetationsbild“.

Die Erhaltung von Bäumen auf Mainseite führt zu einer „verspringenden Deichlinie“, weil dort, wo welche stehen bleiben, Aufschüttungen notwendig sind; dort gibt es dann keine Böschung mehr, sondern nur die verkleidete Spundwand. Folge ist ein Wechsel aus Schräge und Senkrechte, es gibt Vorsprünge. Vermindert wird der „Retentionsraum“, das ist die Fläche, auf der sich Hochwasser ausbreiten kann. Die Sanierung der landseitigen Sandsteinmauer, aus der bereits Steine bröckeln und die das Wurzelwerk beeinträchtigt, ist nur in wenigen Abschnitten möglich.

Ebenfalls nicht durchgängig zu sanieren ist der Weg auf der Deichkrone, der es gerade nötig hätte. Auch hier drücken sich die Wurzeln der alten Bäume nach oben und heben den Belag. Nachhaltig auf die Zukunft ausgerichtet, so finden OB und Mitarbeiter, sei das alles nicht. Im Gegensatz zu ihrer bevorzugten Variante. Diese hätte jedoch zunächst zwei äußerst unpopuläre Auswirkungen: Es kommt zum rigorosen Kahlschlag, der Deich wird förmlich rasiert – das hatte übrigens 2011 sogar der Naturschutzbeirat favorisiert . Die Nachpflanzung mit 4,50 Meter hohen Bäumen wirkt im Vergleich zu teils mächtigen Kronen in bis zu 20 Meter Höhe mickrig, es fehlt auf lange Zeit das „raumbildende Blätterdach“. Markus Eichberger räumt ein: „Das stellt einen gravierenden Eingriff ins Stadtbild dar, der Blick auf Offenbach wird sich für Jahrzehnte verändern.“ Sigrid Pietzsch will nicht verschweigen, dass sich die CO2- und Feinstaubbindung ebenso wie die Artenschutzfunktion kurzfristig verringern werden, wenn das derzeitige Grün fällt. Langfristig aber renkt sich das wieder ein, weshalb sich beide einig sind, dass die Vorteile überwiegen. Für den OB rechtfertigt die „Nachhaltigkeit“ auch kurzfristige Mehrkosten: 15,1 Millionen Euro sind der Betrag für die Variante, die er nun zur Debatte stellen möchte.

Dafür gibt es, weil eine durchgängig doppelreihige Allee angelegt werden kann, 70 Bäume mehr als momentan – 327 an der Zahl. Die sind gesund und von (verschiedener) robuster Art, sitzen in geeigneten „Baumquartieren“, welche die Ausbildung von horizontalem Wurzelwerk eindämmen. Das kommt dann auch der Deichkrone zugute, die nun durchgängig saniert werden kann und zu einem ebenen und gut begeh- und befahrbaren Weg wird. In einem Aufwasch instand zu setzen ist nach Baum-Entfernung die Mauer zur Mainstraße hin; dort ist dann ansprechende Neubepflanzung möglich.

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Wenn dies auf dieser Verwaltungsebene alles so plausibel erscheint, muss sich der Oberbürgermeister die Frage gefallen lassen, warum er das nicht schon im Jahre 2011 vehement vertreten hat. Sozialdemokrat Schneider gibt Rücksicht auf die damaligen Koalitionspartner zu. Er habe, wie einige andere Akteure auch, kaum Chancen gesehen, dass sich die Grünen kurz vor der Kommunalwahl für diese Variante entscheiden würden.

Nun appelliert Horst Schneider: „Fünf Jahre nach dem Grundsatzbeschluss sollten wir jetzt die Gelegenheit nutzen, noch einmal zu überprüfen, ob die aus verschiedensten Interessenslagen zusammengestrickte Beschlussvariante für unser Stadtbild langfristig wirklich die beste Entscheidung ist. Ich habe daran durchaus Zweifel.“

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