Netzwerk Inklusion und Vhs diskutieren

Nicht mehr als ein Praktikum

Offenbach - Obwohl der Arbeitsmarkt floriert, kämpft eine Personengruppe um Anschluss: Menschen mit Behinderung. Mit ihren Chancen auf Beschäftigung befasste sich eine Gesprächsrunde des Netzwerks Inklusion und der Volkshochschule im Haus der IHK. Von Harald H. Richter 

„Uns liegt die Einbindung von Menschen mit Handicap in Beschäftigung sehr am Herzen“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Weinbrenner vor rund 50 Zuhörern, darunter zahlreiche Eltern. Nach wie vor scheuen sich Unternehmen, Stellen mit Behinderten zu besetzen. Auf der anderen Seite bedeute es für Betroffene ein Wagnis, eine Offerte auf dem Arbeitsmarkt anzunehmen: Sollten sie scheitern, werde ihnen in der Regel die Rückkehr in eine Behindertenwerkstatt verwehrt. Über Probleme und Chancen von Inklusion auf dem Arbeitsmarkt diskutierten der städtische Sozialplaner Ralf Theisen und Dr. Dorothea Terpitz vom Netzwerk Inklusion, das die Gesprächsrunde mit der Vhs veranstaltete. Dafür waren Gäste eingeladen, die bereits ausloten, wie Menschen mit schwerer Behinderung am Erwerbsleben teilhaben können. Mila Cvrk vertrat die Agentur für Arbeit, Dr. Stefan Hoehl die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Das Integrationsamt des Landeswohlfahrtsverbandes repräsentierte Doris Lotze-Wessel und auch der Behindertenbeauftragte der benachbarten Stadt Bad Vilbel, Hajo Prassel, sowie Joachim Rumpf von der Mainarbeit diskutierten mit.

Als Offenbacher Aushängeschild zur Inklusion auf dem Arbeitsmarkt gelten die Werkstätten Hainbachtal. Seit Jahren bieten sie Betroffenen Chancen zu sinnstiftender Betätigung, belegt Geschäftsführer Thomas Ruff. „Bei uns sind mittlerweile 715 Menschen mit anerkannter Behinderung und rund 200 ohne tätig“, sagt er und verweist auf ein breites Spektrum an Produktions- und Dienstleistungen. Betriebsintegrierte Beschäftigungsplätze seien eine Möglichkeit, um in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Dabei werden die Arbeitnehmer in externen Firmen weiterhin durch Mitarbeiter der Werkstätten betreut. „Momentan sind 51 Personen in Außenunternehmen tätig, ein respektabler Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl“, ergänzt Ruff.

Ein Ausschnitt aus dem Film „Meine Ausbildung“ der Fröbelschule, den Stufenleiter Thomas Kühn vorstellt, zeigt das Beispiel eines jungen Menschen, der Hausmeister werden möchte. Meist – so die Kritik – bleibe der angestrebte Beruf ein Traum, weil ein „Reinschnuppern“ nicht über Praktika hinausginge. „Wir schauen zu oft auf Defizite von behinderten Menschen und weniger auf ihre Talente“, bedauert Andreas Winkel, schwerbehinderter Rundfunkjournalist, der die Gesprächsrunde moderiert.

Sportfest für Schüler mit Behinderungen: Bilder

Diese beruflichen Talente zu erkennen, dabei hilft das Projekt „Arbeit inklusive“ des Vereins Gemeinsam leben Frankfurt. „Im Mittelpunkt unserer Beratung stehen die Fähigkeiten der Einzelnen“, sagt Leiter Christian Drosdeck. „Wir setzen beim Übergang von der Schule in den Beruf an, stehen zudem Interessenten offen, die ihren eingeschlagenen Weg ändern wollen, um auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehen zu können.“ Arbeit sei ein wichtiger Selbstwertfaktor und für Menschen mit Handicap bedeute Anerkennung ein Antriebsmoment. Einer der durch den Verein Vermittelten arbeitet heute als Platzwart beim FSV Frankfurt.

Eine Zuhörerin der Runde wünscht sich Informationen „möglichst aus einer Hand“. Viele Betroffene und ihre Angehörigen wüssten gar nicht, wo sie gezielt Hilfe bekämen, bemängelt die Frau. Joachim Rumpf von der Mainarbeit verweist auf das Kooperationsprojekt „All Inklusiv“, das bei der Rehabilitationsgesellschaft Lebensräume an der Herrnstraße verortet ist. Im Fokus stehen zum einen Arbeitgeber: „Ihre Bereitschaft, schwerbehinderte Menschen einzustellen, soll signifikant erhöht werden.“

Zudem versteht sich All Inklusiv als Anlaufstelle für Ratsuchende mit Handicap, die eine Beschäftigung suchen. Auf diesem Weg hat beispielsweise der schwerbehinderte Arbeitnehmer Carsten S. eine Anstellung als Mechatroniker bei einem Betrieb in Dudenhofen gefunden. Trotz solcher positiven Beispiele sind sich alle Diskutanten am Ende des Gesprächs einig: Der Weg zu flächendeckender, gelingender Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist noch ein langer.

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