Nordend und der Hafen

Ein spannendes Experiment

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Vorn wächst das neue Hafenviertel, dahinter beginnt das Nordend, ein typisches Innenstadtquartier mit sozialen und wirtschaftlichen Belastungen.

Offenbach - Die Gegensätze, die nur der Nordring trennt, könnten kaum größer sein: Auf der einen Seite das in die Höhe wachsende Hafenviertel mit seinen modernen Bauten – auf der anderen das Nordend, in dem sich langsam eine Kreativszene etabliert, wo sich aber auch soziale Probleme konzentrieren.

Ob so etwas wirklich zusammenwachsen wird, kann nur die Zukunft zeigen. Doch erhofft sich die Stadt durch die Hafenentwicklung zumindest positive Impulse für das angrenzende Traditionsquartier. Auf 65 Hektar gelegen zwischen Hafenviertel im Norden, Berliner Straße im Süden, Goethering im Westen und Kaiserstraße im Osten, zählt das Nordend zu den statistisch relevanteren Stadtteilen Offenbachs. Die Bevölkerung ist jünger, multikultureller und stärker von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen als die Einwohnerschaft im Durchschnitt.

Als gewachsenes Quartier prägen das Nordend Wohngebäude und Gewerbeimmobilien. Zwischen der vorherrschenden Blockrandbebauung mit Wohngebäuden aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg existieren vereinzelt Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Mit etwa 800 Beschäftigten ist der Energieversorger EVO samt seinen Unternehmenstöchtern der größte Arbeitgeber im Quartier. In der angrenzenden ehemaligen Heyne-Fabrik arbeiten mittlerweile 200 bis 250 Menschen, überwiegend in der Kreativwirtschaft. Im Nordend hat auch die Messe Offenbach ihren Standort.

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Für die Verantwortlichen im Rathaus ist das angepeilte Verwachsen von neuem und altem Stadtteil ein Prozess, der mit Spannung verfolgt wird. „Aller Voraussicht nach wird sich dort abzeichnen, ob die Strategie der Stadt aufgegangen ist, mehr kaufkräftige Einwohner zu gewinnen, gleichzeitig aber die angestammte Bevölkerung nicht aus ihren Quartieren zu verdrängen“, heißt es. Oberbürgermeister Horst Schneider warnt vor einer Debatte darüber, dass angestammte Bewohner des Nordends durch die Entwicklung vertrieben werden könnten. „Von Gentrifizierung kann, wie die statistischen Daten eindrücklich zeigen, keine Rede sein. Vielmehr brauchen wir positive Entwicklungsimpulse, um den Stadtteil in der Balance zu halten und ihm neue Perspektiven zu erschließen“, sagt er.

Der Oberbürgermeister erinnert an die Strategie der Stadt, die auf eine ausgewogenere Sozialstruktur der Bevölkerung abzielt. „Wir wollen dabei niemanden vertreiben! Vielmehr müssen alle Bevölkerungsschichten das passende Angebot in Offenbach finden“, so Horst Schneider. Für das Nordend sieht er darin genau die richtigen Ansätze: „Ohne das Nordend mit seinen kulturellen und gastronomischen Möglichkeiten wird der Hafen sicher nicht funktionieren. Die Menschen werden abends fußläufig ausgehen, sich unter die Menschen mischen, beim Gemüsehändler einkaufen, ihr neues Stammlokal finden oder das Capitol aufsuchen wollen. Genau das sind die Angebote, die der Stadtteil bietet.“ Umgekehrt bedeute das hinzukommende Einzugsgebiet im Hafen neues Potenzial fürs Nordend. Dabei spiele die geplante Hafenschule mitsamt Kita eine wichtige Rolle.

Verletzte bei Wohnungsbrand im Nordring

Verletzte bei Wohnungsbrand

Auch nach Einschätzung von Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amts für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, kann von Gentrifizierung derzeit keine Rede sein. „Ein typischer Indikator wie etwa die Mietpreisentwicklung lässt diesen Schluss nicht zu“, sagt er. Ganz im Gegenteil: So liege die Spanne im Nordend derzeit zwischen 5,20 und 12 Euro. „Und 5,20 Euro sind ein Mietpreis, der auch für untere und mittlere Einkommen absolut erschwinglich ist“, so der Amtsleiter. Dessen ungeachtet seien positive Veränderungen im Nordend durchaus notwendig, meint Schulze-Böing: „Auch wenn das Nordend in vieler Hinsicht ein typisches Innenstadtquartier mit hoher Bevölkerungskonzentration, baulicher Verdichtung und Fluktuation ist, weisen die sozialstrukturellen und wirtschaftlichen Merkmale auf hohe Belastungen und Ungleichgewichte hin.“ 

(mad)

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