Interview

In Offenbach fehlen Lehrlinge

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Uwe Czupalla, Chef der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main in Offenbach (links), und Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel berichten über Sorgen der Betriebe.

In Stadt und Kreis bilden immer weniger Handwerksbetriebe aus. Gleichzeitig sind noch Lehrstellen frei, wie der Geschäftsstellenleiter Offenbach der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, Uwe Czupalla, und Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn sagten.

Herr Czupalla, Sie sind seit knapp einem halben Jahr im Amt. Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

Czupalla: Im Außenverhältnis arbeitet das gesamte Team tagtäglich daran, dass das Handwerk und damit unmittelbar verbunden die Kreishandwerkerschaft Offenbach, mit allen angeschlossenen Innungen, ein positives Erscheinungsbild in der öffentlichen Wahrnehmung hat. Intern haben wir schrittweise die vorhandenen Strukturen verbessert.

Was heißt Strukturen verbessert?

Czupalla: Wir haben zum Beispiel verschiedene Dienstleitungen wieder aufleben lassen, wie die Betriebs-, Ausbildungs- und Rechtsberatung - das war in der jüngsten Vergangenheit leider sehr vernachlässigt worden. Außerdem haben wir verstärkt das Thema Aus- und Weiterbildung fokussiert. Hier bieten wir für das zweite Halbjahr sehr interessante und hochkarätige Veranstaltungen für unsere Kundschaft an. Nicht zuletzt haben wir die interne Kommunikation modifiziert.

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Czupalla: Wir müssen die jetzt vorhandenen Strukturen weiterhin ständig verbessern und noch effizienter gestalten - Nachhaltigkeit ist hierbei das oberste Gebot. Darüber hinaus müssen wir verstärkt die Gemeinsamkeiten zwischen den Innungen und der Kreishandwerkerschaft herausarbeiten und aufzeigen. Grundsätzlich heißt es hier, möglichst eng zusammenzuarbeiten, denn nur gemeinsam können wir eine der zentralen Herausforderungen der nahen Zukunft, nämlich das Thema „Fachkräftesicherung für den Wirtschaftsstandort Stadt und Kreis Offenbach“, erfolgreich bewältigen. Und: Ich möchte die Zahl der Mitgliedsbetriebe in den Innungen erhöhen. Zurzeit sind nur etwa 560 Unternehmen aus Stadt und Kreis organisiert. Ich habe mir das Ziel gesetzt, dass bis 2015 mehr als 700 Betriebe Mitglieder in den verschiedenen Innungen sind.

Wie viele Handwerker und Betriebe gibt es eigentlich in Offenbach?

Kramwinkel: In Stadt und Kreis gibt es ungefähr 6 500 Betriebe, die in der Anlage A oder B eingetragen sind.

Was heißt das?

Kramwinkel: In der Anlage A sind die zulassungspflichtigen Gewerke, die noch eine Qualifikation als Meister benötigen. In der Anlage B sind die zulassungsfreien und handwerksähnlichen Gewerke, zum Beispiel Montagebetriebe. Darunter ist ein Großteil der Betriebe, die nicht am Ausbilden von Jugendlichen interessiert sind.

Und wie viele Handwerker sind es?

Czupalla: Im Kreis sind es etwa 20 000 Arbeitsplätze und in der Stadt 10 000.

Welche Probleme haben Sie bei den Handwerkern festgestellt?

Czupalla: Der Informationsfluss untereinander war nicht gut. Das Handwerk ist auf Bundes- und Landesebene sowie bis zum Kreis organisiert. Die entscheidenden Botschaften zu transportieren, ist wichtig. Sie müssen an der Basis, das heißt bei den Mitgliedsbetrieben ankommen. Ich denke, wir haben das Problem gelöst. So haben wir die Kreishandwerker-Info wieder aufleben lassen - sie wird per Mail und Fax verschickt. Darüber hinaus werden wichtige Informationen zeitnah per elektronischem Rundbrief an die Innungsvorstände verschickt. Unser Ziel ist es, die Informationen sowohl von der Bundes- und Landesebene als auch dem kommunalen Bereich möglichst schnell und effektiv weiterzugeben.

Wie viele Lehrstellen stellt das Handwerk in diesem Jahr?

Czupalla: Da beobachten wir leider eine rückläufige Tendenz. Es bilden immer weniger Betriebe aus.

Warum?

Czupalla: Allgemein heißt es stets, die jungen Leute seien fachlich nicht mehr geeignet und nicht ausbildungswillig. Von den Betrieben höre ich, dass die Noten zwar nicht die besten sind. Das Fachliche kann man ihnen aber beibringen. Den jungen Leuten fehlt indes soziale Kompetenz. Ihnen fehlt auch oft das Durchhaltevermögen.

Kramwinkel: Etwa 30 Prozent der Jugendlichen brechen die Ausbildung ab. Das liegt oftmals daran, dass die Jugendlichen mit falschen Voraussetzungen in den Beruf starten. Hier mehr Aufklärungsarbeit im Vorfeld zu leisten, ist ein Thema im Handwerk.

Wie viele Firmen bilden aus?

Czupalla: In Hessen bildet jeder zweite Betrieb aus. In Stadt und Kreis ist es nur noch jeder vierte Betrieb.

Kramwinkel: Im Prinzip bilden rund 1 500 Betriebe aus. Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist aber in etwa gleich geblieben. In der Stadt wird mehr ausgebildet als im Kreis. Im Bereich der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, dort sind etwa 33 000 Betriebe gemeldet, gibt es allerdings noch rund 600 freie Lehrstellen.

Czupalla: Pro Jahr werden etwa 600 neue Verträge abgeschlossen.

Kramwinkel: Insgesamt absolvieren rund 2 000 junge Leute eine Ausbildung bei Handwerkern in Stadt und Kreis Offenbach.

Czupalla: In Offenbach gibt es noch sind rund 120 freie Lehrstellen.

In welchen Gewerken ist es den schwierig, die Ausbildungsplätze zu besetzen?

Czupalla: Der technische Wandel bleibt nicht vor dem Handwerk stehen. Alle Gewerke, die mit Ingenieur-Leistungen zu tun haben, haben es schwer - Sanitär, Heizung, Klima. Bei ihnen steigen die Anforderungen an die Lehrlinge immer weiter.

Kramwinkel: Auch eine Ausbildung in den Bereich Nahrung-Genuss ist nicht sehr gefragt - Bäcker, Metzger. Bei den Bauberufen ist es auch schwierig - Maurer, Dachdecker.

Czupalla: Wegen der stetig steigenden Anforderungen bemüht sich das Handwerk zunehmend auch um Abiturienten und Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss. Der Anteil der Schüler mit Abitur oder Fachhochschulreife unter den Ausbildungsanfängern ist in den vergangenen Jahren von fünf auf rund zehn Prozent gestiegen. Der Anteil der Realschüler liegt aktuell bei rund 34 Prozent.

Kramwinkel: Uns hilft die Imagekampagne, die seit Jahren läuft. Der Stellenwert des Handwerks ist deutlich besser geworden. Es ist bekannter geworden. Wir wollen auf diese Weise auch bessere Auszubildende ins attraktive Handwerk holen. Eine Karriere mit Lehre im Handwerk ist möglich.

Czupalla: Wir planen eine Veranstaltung zum Tag des Handwerks am 21. September. Die Kreishandwerkerschaft wird einen Tag der offenen Tür veranstalten mit dem Titel „Ausbildungsoffensive 2014 - Im Handwerk bewegt sich was!“. Wir haben alle Innungen für die Veranstaltung gewonnen.

In Offenbach gibt es viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. Können Firmen sie für eine Ausbildung gewinnen?

Kramwinkel: Diese Jugendlichen finden im Handwerk schon eine „Heimat“. Wir sehen dies bei den Malern, hier haben wir zum Beispiel einen sehr hohen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, überdurchschnittlich ist auch der Anteil bei den Friseurinnen und Friseuren.

Wegen der Unsicherheiten aufgrund der Eurokrise und der niedrigen Zinsen renovieren viele Bürger ihre Wohnungen und Häuser. Profitiert das Handwerk in Offenbach davon?

Czupalla: Angesichts der Zinsentwicklung investieren die Menschen aktuell viel stärker in ihr unmittelbares Lebensumfeld, kaufen Immobilien, modernisieren Häuser und Wohnungen. Die Nachfrage nach werterhaltenden Produkten und Dienstleistungen steigt. Das ist gut für das Handwerk in Stadt und Kreis Offenbach. Der Spruch: „Wir sind der Ausrüster der Energiewende“ trifft auf das Handwerk zu.

Kramwinkel: Betriebe, die mit Sanierungen zu tun haben, fahren Volllast.

Czupalla: Die Energiewende treibt die Umsätze hoch. Sie ist aber ein zweischneidiges Schwert. Die steigenden Strompreise sind eine große Belastung für die Handwerksbetriebe. Energieintensive Betriebe leiden ganz besonders unter den Kostensteigerungen. Das ist ein echtes Thema für die Handwerker. Die Industrie ist befreit von den Kosten. Der kleine Handwerksbetrieb zahlt die Zeche.

Die Handwerksordnung sieht für 41 Handwerke vor, dass ein Betrieb nur von einem Inhaber mit Meisterbrief geführt werden darf. Die EU-Kommission spricht von einer ungerechtfertigten Beschränkung und stellt den Meisterbrief in Frage. Was halten sie von der Entwicklung?

Kramwinkel: Wir haben in der EU keine Freunde, die mit uns gegen die Zulassungsbeschränkungen kämpfen. Aber: Ich habe es schon gesagt, eine Folge ist, dass in den zulassungsfreien Gewerken die Ausbildungsbereitschaft sinkt.

Czupalla: Es ist wichtig, dass der Meisterbrief nicht weiter verwässert wird und dass der Stellenwert der dualen Ausbildung erhalten bleibt. Der Meister ist ein Stück aktiver Verbraucherschutz - er steht für Qualität. Und: Auch beim Dualen System der beruflichen Ausbildung gibt es offensichtlich Bestrebungen in Brüssel, die Qualifikationen runterzuschrauben. Wir können uns keine Schwächung der Strukturen unserer starken Wertschöpfungsketten leisten. Es gilt, das deutsche Niveau unbedingt zu halten. Das Deutsche Ausbildungssystem ist eine wichtige Grundlage für wirtschaftliche Stabilität.

Für Berufsschulen ist eine Jahrgangsstärke von 15 Jugendlichen vorgeschrieben. Bei der Abschlussfeier der August-Bebel-Schule waren kürzlich 24 Schreiner in einem Jahrgang. Bis zur Mindestzahl ist es also nicht mehr weit. Ist sie erreicht, werden Berufsschulklassen zusammengelegt. Offenbacher müssten dann zum Beispiel nach Darmstadt und Frankfurt. Ein realistisches Szenarium?

Czupalla: Es gibt eindeutige Tendenzen dazu. Das Kultusministerium fragt die Zahlen alljährlich ab. Es gibt sicherlich schon Planspiele, die Zusammenlegungen vorsehen.

Kramwinkel: In Offenbacher Schulen gibt es Überlegungen, wie man die Klassen halten kann. Wir müssen auch die Unternehmer mehr sensibilisieren, im Ausbildungsbereich etwas zu tun. Bei den Unternehmern ist die Bereitschaft zur Ausbildung zurückgegangen. Ich sage ihnen immer: Wir brauchen Nachwuchs. Wir brauchen mehr Betriebe, die sich an der Ausbildung beteiligen. Der demographische Wandel lässt sich nicht aufhalten - dies muss in die Köpfe aller. Denn nur mit gut ausgebildeten Fachkräften sind das Handwerk und somit auch die Betriebe zukunftsfähig.

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