Gewerkschaft der Polizei kritisiert Arbeitsbedingungen

Kein Respekt vor der Uniform

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Am Wilhelmsplatz versuchen die Gewerkschafter, bei Jugendlichen Interesse für den Polizeiberuf zu wecken.

Offenbach - Drei Millionen Überstunden, schlechte Bezahlung, hoher Krankenstand, zunehmende Gewalt gegenüber Beamten. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Hessen fordert mehr Personal und sorgt sich um die Sicherheit. Im Zuge einer bundesweiten Kampagne informierte gestern die Bezirksgruppe Südosthessen auf dem Wilhelmsplatz. Von Matthias Dahmer 

„Cool! Die Polizei hat kaum Leute, die Streife fahren“ steht auf dem großen Plakat, das auf dem VW-Pritschenwagen montiert ist. Das Gefährt vorm Streichholzkarlchen auf dem Wilhelmsplatz zieht die Blicke der Marktbesucher auf sich. Doch nur wenige – es sind meist ältere Offenbacher – bleiben stehen, um sich anzuhören, was die Polizei-Gewerkschafter zu beklagen haben. Es ist vor allem der Vergleich mit anderen Bundesländern, der ärgert und der den Job bei der hessischen Polizei nicht gerade attraktiv macht: Bei der Besoldung auf dem drittletzten Platz, dafür bei der wöchentlichen Arbeitszeit mit 42 Stunden Spitze, rechnen Bezirkgruppenchef Thorsten Pfeiffer und sein Stellvertreter Markus Hüschenbett vor. Die GdP-Bezirkgruppe Südosthessen vertritt 1160 Mitglieder aus der Polizei in Stadt und Kreis Offenbach, im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau.

Als besondere Belastung für das Präsidium Südosthessen gilt Hüschenbett der Umstand, dass es nur vier statt fünf Dienstgruppen gibt, was die Erholungsphasen der Beamten verkürzt. Hinzu komme, dass unter den insgesamt 1700 Mitarbeitern des Präsidiums relativ wenig Tarifbeschäftigte, seien, die Polizeibeamte entlasten könnten.

Weil für die GdP das Ende der Fahnenstange erreicht ist, hat sie bundesweit eine Kampagne für mehr Polizisten und mehr Sicherheit unter dem Motto „Wir brauchen Verstärkung“ gestartet. In Hessen war Auftakt Mitte April in Wiesbaden, bis Mitte Mai ist sie in allen größeren hessischen Städten zu sehen. Begleitend gibt es unter www.wir-brauchen-verstärkung.info etwa die Möglichkeit für den Nutzer, per Mausklick dem Bundes- und Landtagsabgeordneten des Wohnortes eine vorgefertigte Mail mit der Forderung nach mehr Personal bei der Polizei zu senden.

„16 000 Stellen wurden bundesweit in den letzten Jahren bei der Polizei gestrichen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Damit muss Schluss sein. Es müssen wieder mehr Polizistinnen und Polizisten eingestellt werden, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten“, verweisen die GdPler gestern auf die Forderung des Landesvorstands. Bereits angekündigte zusätzliche 300 Polizeivollzugsstellen und 100 weitere bei der Wachpolizei seien der erste Schritt in die richtige Richtung. Nötig seien aber mindestens 1000 zusätzliche Polizeistellen in Hessen, um auch künftig den Herausforderungen der zunehmenden terroristischen Bedrohung, der steigenden Zahlen beim Wohnungseinbruch und nicht zuletzt der zusätzlichen Arbeit im Zuge der Flüchtlingswelle gerecht werden zu können.

Diebesgut: Ausstellung der Polizei

In Hessen schiebe die Polizei mittlerweile einen Berg von mehr als drei Millionen Überstunden vor sich her. Im Schnitt komme jeder Beamte mühelos auf 300 bis 400, so Markus Hüschenbett. Die Überlastung mache sich auch beim Krankenstand bemerkbar. Dieser liegt mit rund 28 Tagen pro Beschäftigtem über dem Durchschnitt. „Was wir dringend brauchen, ist Personalzuwachs“ formuliert Bezirksgruppen-Vorsitzender Pfeiffer. Weshalb er auch gleich drei Jugendliche anspricht. Entgegen der Erwartung kommt er mit den Jungs in Jogginghosen und Basecap auch ins Gespräch. „Ich war schon bei Beratungsterminen“, sagt einer des Trios.

Der Gewerkschaft geht es indes nicht nur um die Sicherheit der Bevölkerung. Sie weist auch darauf hin, dass die Gewalttaten gegen Polizeibeamte zunehmen. „Die Leute haben immer weniger Respekt vor der Uniform“, sagt Hüschenbett. In Zahlen: Von 2011 bis 2014 haben die Fälle von versuchter Tötung bundesweit um 34 Prozent von 92 auf 123 Delikte zugenommen. Vorsätzliche Körperverletzungen sind um 20 Prozent, von 11.308 auf 13.592 Fälle, gestiegen, die Straftaten gegen Polizisten insgesamt sind um 14 Prozent (von 54 843 auf 62 770) nach oben gegangen.

Die Überlastung der Polizei hat zum Teil auch mit deren immer umfangreicher werdenden Einsätzen bei Fußballspielen zu tun. Gewerkschafter Hüschenbett zieht bei seiner vorsichtigen, aber doch recht eindeutigen Kritik einen Vergleich heran. „Beim Fest eines Angelvereins kommt niemand auf die Idee, die Polizei anzufordern. Und selbst bei den ganz großen Musik-Konzerten muss der Veranstalter selbst für die Security sorgen.“

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