Für mehr Verweilqualität

SPD-Stand und Juso-Demo als Kontrast zu AfD-Sprechstunde

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Juso Veit (links) und OB Schneider hören sich an, was Offenbacher wie Heidi Evers zu klagen und zu loben haben.

Offenbach - Ferienbedingt und vielleicht auch der Sommerhitze wegen ist die Frankfurter Straße nicht allzu belebt. Passanten erledigen letzte Wochenendeinkäufe. Von Harald H. Richter

Ein paar Kinder spielen an der bronzenen Skulpturengruppe des Bildhauers Bonifatius Stirnberg vor der Apotheke Zum Löwen mit den um den hageren, älteren Mann scharwenzelnden Hundefiguren. Als die Kleinen bemerken, dass wenige Meter entfernt Andre Veit einen Infostand mit Material bestückt und Werbemittel auslegt, bitten sie um einige der roten Papierfähnchen und Mini-Windräder. Der Jurastudent aus Bürgel – Mitglied der Offenbacher Jungsozialisten und des SPD-Unterbezirksvorstands – nickt und gibt großzügig noch ein paar Bonbons dazu. Veit bereitet einen Open-Air-Bürgerdialog vor, zu dem gleich Oberbürgeremeister Horst Schneider trotz Urlaubs erwartet wird.

„Unsere Anwesenheit bildet gewissermaßen einen Kontrast zu dem, was momentan im Rathaus abgeht“, sagt Veit und spielt auf eine von Protesten begleitete Sprechstunde der AfD-Stadtverordnetenfraktion an. Zeitgleich und lautstark stellt sich den Rechtspopulisten eine von den Jungsozialisten um Co-Vorsitzenden Philipp Türmer auf dem Willy-Brandt-Platz initiierte Protestkundgebung entgegen. Den rund 90 Teilnehmern der Demo an der Berliner Straße geht es darum, die sogenannte Alternative für Deutschland „als rassistische und antisemitische Partei zu entlarven, die auch in Offenbach keine konstruktiven Politikansätze vorzeigt“.

Während die AfD-Fraktion im 15. Stock des Stadtverwaltungshochhauses der nur wenigen mit ihr Sympathisierenden harrt, die sich vorbei an Demonstrierenden und vor dem Rathaus postierten Polizisten einen Weg hinauf bahnen, gehen Veit und der Oberbürgermeister derweilen in der Fußgängerzone auf Menschen zu. Der Jungsozialist und der langjährige Kommunalpolitiker wollen erfahren, wo der Schuh drückt, aber auch, was die Bevölkerung an ihrer Stadt schätzt. „Ganz viel geht es den Menschen um angenehme Verweilqualität“, sagt Veit, „auch um den Wunsch nach mehr Brunnen im Zentrum.“ Der OB hört es gern und weist auf das von ihm befürwortete Vorhaben der Bürgerstiftung Offenbach hin, einen eingefassten Wasserspender auf dem Wilhelmsplatz anlegen zu wollen.

In den Gesprächen mit weiteren Passanten wird deutlich, dass die Ladenleerstände, die nicht nur auf der Frankfurter Straße auffällig sind, als Makel empfunden werden. Dennoch kämen Kunden aus dem Umland gern zum Einkaufen nach Offenbach, weil das Preisniveau hier – verglichen mit Frankfurt – niedriger liege, erfährt Veit. Dass die einstige Lederstadt zunehmend als Ort des Wohnens anziehend wirkt, belegt der ungebrochene Neubauboom auf der Hafeninsel und in anderen Stadtvierteln. Doch es fällt auch das Stichwort Gentrifizierung, also der sozioökonomische Strukturwandel bestimmter Gebiete im Sinne eines Zuzugs wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen.

„Der lässt die Preise und die Mieten für Wohnungen steigen, so dass sie für manche Leute kaum noch erschwinglich sind und deswegen notgedrungen fortziehen“, warnt ein Passant vor sozialer Schieflage. Der Oberbürgermeister erinnert an das breite Angebot der GBO an öffentlich finanziertem und daher preisgebundenem Wohnraum. Allerdings muss auch er eingestehen, dass Wohnraum in Offenbach zunehmend teurer wird.

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Der im Mehrgenerationenhaus an der Weikertsblochstraße lebende Heidi Evers liegt die Sauberkeit im Stadtgebiet am Herzen. Sie schlägt mehr Abfallbehälter vor. „Dort, wo sich besonders viel Publikum aufhält, sollte man auch die Reinigungsintervalle verkürzen“, rät sie.

Kurze Zeit später braust allzu forsch ein junger Mann auf seinem Fahrrad um die Ecke, worauf der OB ihn ermahnt, das Tempo zu drosseln. „Augenscheinlich kommen aber Fußgänger und Radler recht gut miteinander klar“, sagt Schneider. Jedenfalls seien ihm seit der Ende Mai erfolgten ganztägigen Freigabe der Fußgängerzone für Pedalritter keine Klagen zu Ohren gekommen. Bis zum nächsten Frühjahr läuft der wissenschaftlich von der Fachhochschule Erfurt begleitete Pilotversuch. Erst dann soll sich entscheiden, ob das Radeln dort Regelzustand wird.

Als das Geläut an der Fassade der Löwen-Apotheke von der sechsten Abendstunde kündet, klappt Andre Veit den roten SPD-Sonnenschirm zusammen und verstaut übriggebliebenes Material im Handwagen. Und auch Horst Schneider zieht es auf seinem Fahrrad heimwärts – vorbildlich in Schritttempo.

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