Offenbacher Unternehmen CPP Studios

Firma setzt auf Basisdemokratie

Mit ausgefallenen Darbietungen wirbt der Kommunikationsspezialist CPP Studios für die Produkte seiner Kunden.

Offenbach - Gleicher Lohn für alle Mitarbeiter des Unternehmens. Urlaub nimmt sich jeder selbst. Und auch die Arbeitszeit ist bei der Offenbacher Firma CPP Studios nicht festgelegt. Von Marc Kuhn 

Der Salon Neckermann passt eigentlich nicht so recht ins Bild. Gernot Pflüger hat seinen Besprechungsraum in der Heyne Fabrik in Offenbach so genannt, weil ein riesiger, alter Tisch in seinem Zentrum steht - er stammt von Josef Neckermann, dem Gründer des einstigen Versandhandels-Unternehmens. „Das ist die Denkzentrale“, sagt der Chef von CPP Studios. Auf dem Tisch sind Kratzer. Eine Erinnerung an Fünf-Mark-Stücke, die Neckermann verdienten Mitarbeitern zuschob. Das hölzerne Mahnmal ist der letzte Rest der Old Economy in den Räumen des Backsteingebäudes, in denen die Event GmbH untergebracht ist. Ansonsten geht es sehr basisdemokratisch zu. Hierarchien lehnt Pflüger ab. „Viele Hierarchiestufen sind ein Krebsgeschwür.“

Firmen seien meist noch in der Kaiserzeit, erklärt er weiter. Mitarbeiter würden Druck und Abhängigkeiten spüren. Viele im Arbeitsleben aufs Gehirn verzichten. Pflüger wollte von Anfang an ein demokratisches System in seinem Unternehmen.

Der Chef verdient etwas mehr

Gernot Pflüger

Das hat weitreichende Folgen. Alle Mitarbeiter bekommen das gleiche Gehalt - egal wie alt sie sind. Der Chef verdient etwas mehr - „nur wegen der Haftungsangelegenheit“, berichtet Pflüger. Jeder kann jederzeit auf das Konto der Firma schauen. Am Ende des Jahres treffen sich alle zum Kassenreport. Dann legen sie gemeinsam fest, wie viel Geld investiert und zurückgelegt wird beziehungsweise, welche Boni gezahlt werden. Jeder hat eine Stimme - auch der Geschäftsführer. Und jeder hat ein Vetorecht. Auch über Einstellungen wird gemeinschaftlich entschieden. Bis zu 15 Gehälter bekommen die Angestellten, wie der Geschäftsführer erläutert. Es geht aber auch umgekehrt. 2001, nach dem Platzen der IT-Blase, liefen die Geschäfte nicht gut. Pflüger hätte Mitarbeiter entlassen müssen. Stattdessen entschieden sie sich, auf einen „signifikanten Teil“ ihres Gehalts zu verzichten - auch der Chef. „Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken“, sagt Pflüger.

Bei der Mediengruppe gibt es auch keine festgelegte Zahl von Urlaubstagen. „Die genehmigt sich jeder selbst“, erklärt Pflüger. Es gibt auch keine feste Arbeitszeit. Das sei eine große Schwachstelle. Die Angestellten würden zu viel arbeiten. Pflüger spricht von Selbstausbeutung. „Da ist mir noch nichts eingefallen.“

Und Projektleiter werden nur für einen Auftrag ernannt. Sie würden das Vorhaben dann wie ihr Eigentum empfinden. Danach arbeiten sie wieder im Team.

Montags treffen sich die 20 Mitarbeiter, die im Jahr einen Umsatz von fünf Millionen Euro erwirtschaften, um über Projekte zu diskutieren. Einmal um Monat kommen sie zusammen, um „dreckige Wäsche zu waschen“, wie Pflüger sagt. Er spricht von insgesamt „sechs Stunden demokratischem Overhead“.

Das Ziel: Kreativität und Motivation

Der Geschäftsführer ist davon überzeugt, dass seine Mitarbeiter durch die Basisdemokratie besser motiviert und kreativer sind. Die Verbundenheit zum Unternehmen sei groß, berichtet Pflüger. „Der Mensch ist ein an Stammesleben gewöhntes Wesen.“ Fluktuation gibt es bei den CPP Studios kaum. Die meisten der Mitarbeiter sind Seiteneinsteiger. Pflüger findet das gut. Schließlich: „Wissen ist kein Besitzstand, sondern ein flüchtiges Gut, das erneuert werden muss.“

Der 49-Jährige betont, dass er nicht aus moralischen Gründen auf basisdemokratische Elemente setzt, sondern aus einer Art Selbstschutz. „Ich wollte nie Unternehmer werden“, sagt der vierfache Studienabbrecher und nach eigener Einschätzung erfolglose Musiker und Journalist. In der Rolle des Chefs hat er sich nach der Firmengründung vor 27 Jahren verändert. „Das ist ein schlechter Deal“, erklärt Pflüger. Und dem Unternehmen habe das auch nicht gut getan. Deshalb hat das Umdenken eingesetzt.

Der Erfolg scheint Pflüger Recht zu geben. Große Firmen wie Samsung, BMW und IBM gehören zu seinen Kunden. „Wir sind Architekturbüro, Werbeagentur und Erfinderwerkstatt unter einem Dach.“ Mehrere Aufnahmestudios und ein Kino sind in der Heyne Fabrik untergebracht. Im Großraumbüro - der Chef sitzt unter seinen Mitarbeitern - herrscht kreatives Chaos. Rechner, Hefte, CDs, DVDs und Papiere türmen sich auf den Schreibtischen - und viele Aschenbecher. Konzentriert sitzen Frauen und Männer hinter Bildschirmen. „Sie werden Schwierigkeiten haben, das sogenannte Portfolio unserer Firma zu beschreiben“, sagt Pflüger, „so vielfältig ist es.“

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Grob lässt es sich in drei Gruppen aufteilen. Für Kunden werden ausgefallene Veranstaltungen organisiert - mit Licht- und Musikinstallationen sowie künstlerischen Darbietungen. Zudem spricht Pflüger von Medienexponaten und nennt als Beispiel den Planet of Vision bei der Expo in Hannover. Das dritte Standbein des Unternehmens würde man klassisch als Beratung bezeichnen - Pflüger nennt es Corporate Voodoo. Es sei das am stärksten wachsende Segment. Mit viel Kreativität werden Veranstaltungen konzipiert, auf denen Mitarbeitern von Kunden beispielsweise neue Unternehmenswerte nahegebracht werden. Dafür werden Workshops und theatralische Darbietungen angeboten. „Geschichten sind Atome unserer Kommunikation“, meint Pflüger. Und: „Wir sind ein Kommunikationsspezialist.“

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