„Ich bin immer noch ein naiver Idealist“

Warum Afip-Gründer Lutz Jahnke Jubiläen in Tagen ausrechnet

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Feiert fünf Jahre seit der Schlüsselübergabe: Lutz Jahnke.

Offenbach - Fotografien, Konzerte und Performances: Zum fünfjährigen Bestehen der Afip, kurz für Akademie für interdisziplinäre Prozesse, am Goetheplatz organisiert Gründer Lutz Jahnke ein großes Happening. Der Diplomdesigner hat mit Julia Radgen über die Rolle der Akademie und die Idee hinter Stadtrundfahrten in Mülltonnen gesprochen.

Sie haben vor fünf Jahren die Räume der Afip gemietet und ein paar Freunde dazugeholt. Hätten Sie gedacht, dass das Projekt mal als etablierter Ort der Kreativszene gelten würde?

Just dieses Jahr fällt der Afip-Geburtstag mal wieder auf den ersten Juli. Damals bekam ich den Schlüssel testweise für sechs Monate als temporäre Zwischennutzung. Etabliert? Ich denke das ist nicht so, sicher und fest ist gar nichts; auch die Besucherströme sind speziell. Man brüstet sich gerne mit meiner Öffentlichkeitsarbeit, aber besser wäre es unsere Interventionen persönlich anwesend mitzutragen.

1827 Tage. Warum rechnen Sie überhaupt in Tagen? Ist es jetzt nach fünf Jahren nicht Zeit, auf eine Jahreszählung umzusteigen?

Das hab ich mir auch schon mehrfach gedacht, denn Jahre sind einfacher vorzustellen. Anfangs habe ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen können. Tage zeigen sehr viel besser, wie hart es ist, für jeden Schritt tragfähige Partner zum Freund zu machen, Befürworter auszusenden, Sichtbarkeit zu schaffen, relevante Themen in eine überforderte Gesellschaft zu tragen – Menschen zum Mitgestalten anzuregen. Ich persönlich bin fröhlich aufgelegt, wenn ich feststelle, ich habe einen weiteren Tag in der Afip gesundheitlich, monetär und ohne Frust überstanden. Ich bin ein naiver Idealist, der glaubte die Welt zu verändern.

Im Jubiläumsprogramm finden sich Punkte wie Trashfotografie und eine Holzperformance? Wie stellen Sie das Programm zusammen?

Not macht erfinderisch, sagt die linke Schulter. Die rechte sagt: Gucke aus dem monströsen Afip-Schaufenster und stell dir vor: ‘Was könnte diese Welt sich ansehen und am Ende sogar persönlich gut finden oder als Bereicherung betrachten?’

Sie bieten Stadtrundfahrten in der Mülltonne an. Was ist die Idee dahinter?

Als Designer weiß ich: Alles in die Tonne klopfen und komplett von vorne anzufangen, das ist Scheitern auf hohem Niveau. Stellen Sie sich vor, wie viel Sprit und Diesel unsere schon jetzt heiß-begehrten analogen exklusiven Stadtrundfahrten in der Rundfahrtonne gekostet hätten, wenn wir mit Limousinen-Shuttleservice geliebäugelt hätten. Wir wollten Körperkult mit Individualreise vereinen, dem urbanen rauhen direkten Erlebnis der Stadt-Prärie mit einem unvergesslichen Afip-Geburtstags-debüt begegnen.

Afip steht für Akademie, hat das offene Forschungsseminar, das Berichte veröffentlicht. Das wirkt alles sehr wissenschaftlich, überwiegt Kunst oder Wissenschaft?

Tja, das Ministerium für Wissenschaft und Kunst kann sich da auch nie klar positionieren. Gäbe es mehr Forschungsgelder bzw. Geld für Kunst, könnte ich Ihnen genau sagen, wie das in Zukunft aussieht! Der Stand ist: Begreifbare Kunst, welche einen mitnimmt, einen rau umgarnt oder Risse hinterlässt, die schafft Wissen, denn sie hinterlässt Fragen. Das dienstägliche Forschungsseminar findet inzwischen immer parallel zum donnerstäglichen „das Märktchen“ statt, um die Eintrittsschwelle zu erniedrigen.

Sie bekommen keine Zuschüsse von Stadt oder Land und haben die Ausgaben mal mit rund 12.000 Euro beziffert? Wie finanziert sich die Akademie momentan und was ist weiterhin geplant?

Die Ausgaben sind weit höher und treiben mich immer wieder an den Rand des Ruins. Ich wünschte mir, jeder, der den Namen Afip im offiziellen Rahmen, im Zusammenhang mit kreativem Potenzial, Gentrifizierung, als Beispiel für Subkultur und als etabliertem Ort der Offenbacher Kreativszene für sich beansprucht, der soll 10. 000 Euro in die Hand nehmen und direkt an unseren Förderverein Kunst Raum Mato überweisen. Fair!

Das Jubiläumsfest in der Afip, Ludwigstraße 112a läuft noch bis Sonntag. Programm unter www.afip-hessen.de

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