Flüchtlingshelfer kritisieren Arbeit des BAMF

Gefangen in der Warteschleife

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Wollen, dass Flüchtlinge nicht länger ein Schattendasein fristen: Die freiwilligen Helfer aus Offenbach. Molhan (links hinten) und Homam (links vorn) aus Syrien haben schon den ersten Schritt, das Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, hinter sich.

Offenbach - Auch in Offenbach prangern Flüchtlingshelfer die Arbeit der Bundesbehörde BAMF an. Verfahren seien zäh, manche sogar fehlerhaft. Ehrenamtliche machen ihrem Ärger Luft und schildern fatale Folgen für Flüchtlinge. Von Sarah Neder 

Beispielsweise wäre wegen einer falschen Übersetzung fast der Asylantrag des 20-jährigen Molhan aus Syrien gescheitert. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, steht massiv in der Kritik. Deutschlandweit sind noch mehr als eine halbe Million Asylanträge nicht entschieden. Dass es in vielen Fällen noch nicht einmal zum Antragstellen kommt, berichten örtliche Flüchtlingshelfer. Um über die Missstände in der Verwaltung zu sprechen, haben sie zu einer Pressekonferenz in den Hafen 2 geladen. Das Vereinsheim am Main ist bis heute Treffpunkt für Flüchtlinge und ehrenamtlich Engagierte. Stellvertretend für das anwesende Dutzend Helfer schildert Gabriele Türmer das Problem: „Uns ist aufgefallen, dass die Verfahren nicht vorangehen – und das über Monate.“ Obwohl die Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei im April dieses Jahres aufgelöst ist und die Bewohner in andere Städte verschoben wurden, haben viele Helfer noch engen Kontakt. Sie erkundigen sich, organisieren, verfolgen Wege. Bei manchen Flüchtlingen, schildert Türmer, sei nun ein Jahr seit ihrer Ankunft vergangen, ohne dass sie zur ersten Anhörung geladen wurden.

Von diesem „Interview“, wie die Ehrenamtlichen den ersten Termin beim BAMF nennen, hängt jedoch viel ab. „Ohne das dürfen sie praktisch gar nichts“, sagt Türmer. Sie haben weder Anspruch auf Sprachunterricht oder auf eine Ausbildung, noch auf Integrationskurse oder Arbeit. Das bedeutet: Viele Flüchtlinge befinden sich seit Monaten in einer Warteschleife. „Das ist eine enorme emotionale Belastung“, weiß Türmer. Aber nicht nur die Dauer der Verfahren stellt ein Problem dar, anscheinend auch die Qualität. Teil der Runde im Hafen 2 ist der 20-jährige Molhan aus Damaskus, der zur Zeit in Langenselbold untergebracht ist. Im vergangenen Jahr strandete der Architekturstudent im Erstaufnahmelager am Kaiserlei, knüpfte Kontakt zur Offenbacher Helfer-Gruppe.

Molhan ist ehrgeizig, spricht sehr gut deutsch – das hat ihn gerettet. Denn bei der entscheidenden Anhörung vor zwei Wochen seien dem Übersetzer grobe Fehler unterlaufen, sagt Molhan: Der Dolmetscher nimmt seine persönlichen Daten auf. Fragt, ob seine syrischen Papiere noch existierten. Molhan bejaht. Der Übersetzer aber schreibt nein. Mit einem BAMF-Mitarbeiter spricht der junge Flüchtling nicht. Den Fehler bemerkt er erst, als er wieder auf dem Heimweg ist. Helferin Anne Henry-Werner, selbst Übersetzerin, bewertet: „Das ist schon sehr unseriös.“ Sie erkenne daran, dass beim BAMF keine Sensibilisierung stattfinde. „Es wird alles auf die leichte Schulter genommen.“ Zur Eignung ihrer „Sprachmittler“ sagt die Behörde, dass ein Uni- oder IHK-Abschluss zwar wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig sei.

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Gabriele Türmer betont das Fatale an Molhans Situation: „Wenn bei der ersten und der zweiten Anhörung unterschiedliche Angaben gemacht werden, kann das schon ein Grund sein, den Asylantrag abzulehnen.“ Eric Wolf, Gründer der Flüchtlingshelfergruppe, beklagt: Das drohe auch, wenn ein Termin beim BAMF versäumt werde. Häufig liegt die Schuld nicht bei den Antragstellern: Briefe vom Amt gehen zu spät raus, manche treffen erst nach dem eigentlichen Termin ein, andere so kurzfristig, dass es Probleme gibt, die Anreise zu organisieren. Wer Pech hat, wird nach vier oder fünf Stunden Wartezeit wieder nach Hause geschickt.

Das BAMF hält dagegen, dass ein solches Versäumnis keine Konsequenzen für den Antragsteller habe, wenn er nachweisen könne, dass es nicht an ihm gelegen habe. Die Flüchtlingshelfer fordern: Mehr Qualität und schnellere Verfahren. Dass das zunächst nach einem Widerspruch klingt, wissen sie. Doch der Weg sei nicht, die Bürokratie zu beschleunigen, sondern sie zu umgehen. „Wenn nicht so viel von der ersten Anhörung abhängt, können viele schonmal anfangen, sich zu integrieren“, schlägt Türmer vor. Flüchtlingen sollte eine Bleibeperspektive geboten werden.

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Der aus Syrien geflohene Molhan hat mittlerweile eine. Er will sein Architekturstudium beenden. In Deutschland. Bis sein Antrag durch ist und er sich einschreiben darf, hat er einen Minijob bei einem Architekturbüro in Offenbach. Wenn er bleiben kann, würde er nach Offenbach ziehen. Wegen der Arbeit. Aber auch wegen der Flüchtlingshelfer.

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