Tradition trifft auf Computerzeitalter

Offenbacher Stanzwerkzeugfabrik feiert 70. Geburtstag

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Das alte Foto gewährt einen Blick in die Hallen der Offenbacher Stanzwerkzeugfabrik. Mit den Maschinen wird teils heute noch gefertigt. Für das präzise Ausschneiden der Metallkomponenten werden aber oft Computer eingesetzt.

Offenbach - Die Industrie stanzt viele Komponenten aus Papier oder Kunststoff. Sehr oft werden dabei Werkzeuge aus Offenbach eingesetzt. Ein Familienunternehmen feiert jetzt seinen 70. Geburtstag. Von Marc Kuhn 

Werner John nimmt den sogenannten Stempel aus Metall und versucht, ihn in die Schnittplatte zu stecken. Das ist gar nicht so einfach. Schließlich wurden die beiden Teile mit einer Genauigkeit von 0,01 Millimeter gefertigt, sagt der Geschäftsführer der Offenbacher Stanzwerkzeugfabrik. Mit dem Stempel werden die Maikäfer aus Pappe produziert, die an Ostern mit Süßwaren verkauft werden. Sie sind ein Beispiel für Stanzwerkzeuge, die das Unternehmen seit nunmehr 70 Jahren herstellt. Gestanzte Produkte hat der Verbraucher fast täglich in den Händen: als Etiketten, Dichtungen oder Infusionbeutel. Sehr häufig werden sie mit Werkzeugen aus Offenbach produziert.

Zehn Mitarbeiter sind bei dem Traditionsunternehmen beschäftigt. Einst waren es bis zu 40. Die geringere Zahl von Angestellten hat aber nichts mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Schließlich erwirtschaftet der Mittelständler einen Umsatz in Höhe von 650 000 Euro im Jahr. Heute würden mehr Maschinen als früher eingesetzt, erklärt John. Die Maschinen seien nötig, weil die hergestellten Stanzwerkzeuge viel genauer arbeiten müssen als vor Jahrzehnten, ergänzt Thomas Kuhne, ebenfalls Geschäftsführer in der Firma. Und: Das verwendete Material ist heute meist härter.

Die Ausrichtung der Firma hatte sich ohnehin geändert. Otto Robert Schmitt gründete die Offenbacher Stanzmesserfabrik 1946 in der Lilistraße. Nach zwei Jahren zog die Firma in die Ludwigstraße, wo sie noch heute ansässig ist. Damals wurden vor allem Stanzmesser für die Lederwarenindustrie hergestellt. Anfang der 60er Jahre kam der Schwiegersohn von Schmitt, Helmut John, in das Unternehmen, wie seine Tochter Irene Kuhne berichtet. 1968 übernahm er die Firma. In den Folgejahren kämpfte die Lederwarenindustrie verstärkt mit der Konkurrenz aus Asien. Viele Firmen gerieten unter Druck. Deshalb stellten die Offenbacher Stanzwerkzeuge für die Druck- und Automobilindustrie her. Seit 1986 firmierte der Betrieb unter dem Namen Offenbacher Stanzwerkzeugfabrik GmbH & Co. KG. 1999 schied Helmut John als Geschäftsführer aus. Sein Sohn Werner John und sein Schwiegersohn Thomas Kuhne übernahmen die Leitung. Er hat einen Doktortitel in Chemie. Kuhne hat sich aber eingearbeitet und ist für den Vertrieb zuständig. Seine Frau für die Buchhaltung. Und der studierte Informatiker John für die Fertigung.

Dort stehen zwar noch viele, auch alte Maschinen. Längst hat aber das Computerzeitalter Einzug in die Hallen gehalten. Rechner steuern die Produktion der Stanzwerkzeuge. „Sie sehen aus wie große Plätzchen-Ausstecher“, erläutert Irene Kuhne. Der Werkzeuggrundkörper sei aus Aluminium, fügt ihr Mann hinzu. Dieser wird in die Maschine eingespannt. Die Stanze ist aus Stahl. Das Verfahren zur Herstellung nennt sich Erodieren.

Mit den Werkzeugen werden zum Beispiel Etiketten aus Papier gestanzt. Fünf bis 50 Millionen Blatt Papier könnten bearbeitet werden, sagt John. Dann kommt das Werkzeug zum Nachschärfen nach Offenbach. Oft ist dann Manfred Maier gefordert, der es von Hand schärft. „Die meisten Druckereien in Deutschland, die Etiketten herstellen, beliefern wir“, erklärt Thomas Kuhne. Konkurrenten gibt es wenige, einen in der Schweiz und zwei hierzulande, „die sind aber nicht so gut wie wir“, betont Kuhne. Zu den Kunden gehören Firmen aus der Bier- und Lebensmittelindustrie, beispielsweise Unternehmen, die für Aldi und Lidl Waren herstellen. Bis zu 1000 Kunden hat die Stanzwerkzeugfabrik. Dazu gehören solche aus der Automobilindustrie und Medizintechnik. Es gebe immer mehr elektronische Komponenten im Pkw, berichtet Kuhne. Dort würden zum Beispiel Membranen verbaut, die mit „hoch genauen“ Werkzeugen aus Offenbach ausgestanzt würden. Sie werden zudem von medizintechnischen Firmen eingesetzt. „Wir machen die Schlitze in Infusionsbeutel“, sagt John. So arbeite die Stanzwerkzeugfabrik sehr eng beispielsweise mit Fresenius zusammen, erklärt Kuhne.

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