Auftakt im Prozess um brutalen Raubüberfall

Offenbacher Unternehmer regelrecht gefoltert

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Offenbach - Ein Fall von besonders schwerer räuberischer Erpressung wird seit gestern vor dem Landgericht Darmstadt verhandelt. Angeklagt ist ein 51-jähriger Deutscher aus Dietzenbach, das Opfer ist ein Unternehmer aus Offenbach. Von Silke Gelhausen-Schüßler

„Einer hat ,Sammy’ gerufen, das habe ich noch gut in Erinnerung!“, erklärt Überfallopfer K. der zwölften Strafkammer. Sammy, das ist der Spitzname des Angeklagten N. aus Dietzenbach. Ihm wird zur Last gelegt, am Abend des 4. Juli 2014 im Lauterborn zusammen mit einem Komplizen den 67-jährige Metallhändler K. in dessen Haus brutal misshandelt und um eine Geldkassette mit rund 5500 Euro erleichtert zu haben. Der braun gebrannte Angeklagte bestreitet zwar nicht seinen Spitznamen, allerdings leugnet er entschieden, irgendetwas mit dem Überfall zu tun gehabt zu haben. Ein Alibi für die Tatzeit kann der seit sechs Monaten in Untersuchungshaft sitzende Mann jedoch nicht vorweisen. N.: „Drei Tage vorher hat meine Tochter Geburtstag, das weiß ich natürlich. Aber was ich an dem 4. gemacht habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht liegt das daran, dass ich damals Psychopharmaka genommen habe.“

Was ihn trotzdem überführen könnte, ist der abgerissene Finger eines schwarzen Handschuhs, der am Tatort liegen blieb. Mit Anhaftungen seiner DNA. Damit war es ein Leichtes für die Polizei, Sammy zu finden, denn als vielfach und einschlägig Vorbestrafter ist seine Erbinformation im elektronischen Fingerabdruck-Identifizierungssystem gespeichert. Nun muss die Strafkammer im Zuge der Beweisaufnahme zwei von drei Möglichkeiten ausschließen. Nummer eins: Sammy lügt und hat zusammen mit einem bislang unbekannten Mittäter den älteren Herrn gewaltsam beraubt. Nummer zwei: Der Handschuhfinger ist nur durch einen dubiosen Zufall an den Tatort gelangt; der ältere Herr hat sich vielleicht im Namen verhört. Nummer drei: Ein ehemaliger Knastbruder will dem Angeklagten Böses und hat sich dazu seiner DNA und seines Spitznamens bemächtigt.

Für Überfallopfer K. macht das mit Blick auf die Folgen der Tat keinen Unterschied. Er wurde mit einer solchen Intensität geschlagen, getreten, gewürgt und gefesselt, dass er von Glück reden kann, überlebt zu haben. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Christoph Trapp nach den Spätfolgen der Tat antwortet der Zeuge: „Ich habe seitdem eine Hörschwäche auf dem rechten Ohr, brauche demnächst ein Hörgerät und muss regelmäßig zu Kontrollen beim Augen- und Ohrenarzt. Anfangs hatte ich Schlafstörungen. Geblieben sind auch die Angstzustände, ich denke oft irgendwo, dass jemand hinter einer Tür steht.“

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Hinter der Wohnungstür im ersten Stock seines Hauses hatten die Täter gewartet, nachdem sie durch ein Kellerfenster ins Haus gelangt waren. Als K. die Wohnung betritt, packen die Täter ihn und reißen ihn zu Boden. Sie fixieren ihn, fesseln seine Hände, schlagen und treten ihn gegen Kopf und Oberkörper. Als K. sich wehrt, hält ihm einer der Täter ein langes Messer an den Hals. Das Opfer erzählt: „Sie riefen: ,Wo ist das Geld? Wo ist der Schmuck?’ Ich sagte ihnen, dass in einem blauen Beutel im Nebenzimmer eine Geldkassette sei. Die fanden sie jedoch nicht gleich, und die Tortur ging weiter.“ Diesmal würgen sie ihn mit einer Krawatte und Stromkabeln, die sie in verschiedenen Schubladen finden. K. kann gerade noch zwei Finger dazwischen schieben, um etwas Luft zu bekommen. Dann wickeln sie ihn in einen Teppich ein und schichten Bettdecken auf das wehrlose Bündel. Die gesamte Tortur dauert etwa eine Stunde. In dieser Zeit durchwühlen die Täter sämtliche Schubladen und Schränke nach weiteren Wertsachen.

Diese Spuren versuchen sie mit Backofenspray zu eliminieren. Irgendwann verschwinden sie mit der Geldkassette, weitere 10.000 Euro bleiben unentdeckt in der Wohnung zurück. K. kann sich schließlich befreien. Die wichtigste Frage nach dem Aussehen der Männer kann er leider nur unzureichend beantworten: „Sie hatten Kapuzenpullover an, und den Stoff tief ins Gesicht gezogen.“ Für den Prozess sind vier Verhandlungstage bis Ende September geplant.

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