Ein Baudenkmal als Tatort

Fall Mark Herbert: Ortstermin am Aussichtsturm

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Richterinnen, Schöffinnen, Gutachter und Staatsanwaltschaft haben sich gestern ein Bild vom Tatort am Aussichtsturm in Bieber gemacht. Der querschnittsgelähmte Mark Herbert war mit Angehörigen und seinem Anwalt dort.

Offenbach - Am Bieberer Aussichtsturm wurde Mark Herbert im August vor vier Jahren lebensbedrohlich zusammengeschlagen. Wie genau, ist noch unklar. Am fünften Prozesstag gegen den mutmaßlichen Schläger Sven R. hat das Gericht den Tatort unter die Lupe genommen.

Keine Roben, keine Anzüge und kein Zeugenstand beim fünften Verhandlungstag im Mark-Herbert-Prozess. Stattdessen klebt frisch gemähtes Gras an den Schuhen der Schöffinnen. Denn: Die Sitzung ist nicht wie gewohnt im Saal 3 des Darmstädter Landgerichts anberaumt worden. Diesmal treffen die Beteiligten in Offenbach aufeinander. Genauer: Am Aussichtsturm in Bieber. Dort soll der Angeklagte Sven R. das Opfer Mark Herbert so brutal geprügelt und getreten haben, dass mehrere Wirbel brachen. Herbert ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Richterinnen, Sachverständige und Staatsanwaltschaft machen sich beim Ortstermin ein Bild von den Gegebenheiten, steigen auf die Aussichtsplattform, legen den Zollstock an, fotografieren. Wie groß ist das Areal rund um das Baudenkmal? Wie weit der Abstand zwischen Ruhebank und Eingangstür? Wie breit die Aussichtsplattform?

Auch Herberts Anwalt und die Verteidiger von Sven R. nehmen den Tatort akribisch in Augenschein, gehen das Gelände am Ortsrand mehrmals ab, machen Bilder mit ihren Handykameras. Der Angeklagte steht mit Handschellen zwischen zwei Justizbeamten. Seine Familie, Freunde und seine Verlobte reihen sich neben ihm auf. Die Frauen weinen anfangs. Wie an jedem bisherigen Verhandlungstag ist Opfer Mark Herbert gestern auch zum Ortstermin gekommen. Wie immer begleitet den Rollstuhlfahrer seine Mutter, die am heutigen Prozesstag aussagen wird. Eine Bekannte der Familie Herbert presst sich die Hände vor den Mund, das Kinn zittert, Tränen schießen in die Augen. So sehr schmerzt die Erinnerung.

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27 Meter hoch ist der Bieberer Aussichtsturm, ein ansehnliches Bauwerk, errichtet 1882. Doch seit dem 25. August 2012 steht das romantisch von Sträuchern und Bäumen geschützte Gemäuer für mehr als alten Sandstein. Der Aussichtsturm ist nun ein Tatort. Rückblick: An jenem sonnigen Augustnachmittag geht Mark Herbert aufs Aussichtsturmfest. Er hat schon einiges getrunken, kippt auf dem Festplatz noch mal nach. Mit ein paar Freunden steigt er dann auf den Turm. Oben angelangt, trifft er auf Sven R. Die beiden geraten aneinander, wollen den Streit unten klären.

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Vor dem Turm soll R. dann heftig auf Herbert eingeschlagen haben. Auch als der schon am Boden lag. So steht es in der Anklage der Staatsanwaltschaft. Der querschnittsgelähmte 27-Jährige wirkt beim Ortstermin gefasst. „Einmal noch bin ich seitdem hier gewesen“, erzählt er. Gefühle stiegen in ihm heute aber nicht mehr hoch. Herbert sagt: „Ich habe damit abgeschlossen.“ Offen sind hingegen noch viele Fragen im Prozess gegen Sven R. Der Angeklagte streitet seit Verhandlungsbeginn seine Schuld an den schweren Verletzungen seines Gegenübers ab. Nach seiner Version ist er von Herbert angegriffen worden. Zeugen, die am zweiten Prozesstag ausgesagt haben, wollen genau das Gegenteil beobachtet haben. Mark Herbert sei hilf- und wehrlos gewesen, sein Angreifer hingegen brutal und aggressiv. Identifizieren könnten sie den Täter aber nicht, sagen sie. Unter anderem wegen des steilen Winkels, in dem sie damals auf den Turm geschaut hätten.

Ein Gutachter wird heute am sechsten Prozesstag in Darmstadt seine Erkenntnisse schildern. Außerdem sollen Telefonprotokolle vom Handy des Angeklagten vorgelesen werden.

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