Dritter Tag im Tugce-Prozess

Ticker: Gegenseitige Schuldzuweisungen

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Sanel M. im Gerichtssaal

Darmstadt/Offenbach - Seit dem 24. April steht Sanel M.  vor Gericht. Der junge Mann soll mit einem Schlag an den Kopf von Studentin Tugce Albayrak Schuld an ihrem späteren Tod sein. Alle Infos zum dritten Prozesstag: 

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Ihren gewaltsamen Tod hat die Studentin Tugce nach Ansicht eines Freundes des Angeklagten Sanel M. durch üble Beleidigungen selbst ausgelöst. Der 18-Jährige habe erzählt, ihm sei wegen massiver Pöbeleien die Sicherung durchgebrannt, sagte der 19 Jahre alte Zeuge.

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Der Rettungsassistent, der mit einem Notarzt herbeigeeilt war, sagte, Tugce sei "nicht ansprechbar" gewesen. Die 22-Jährige sei mit Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma in ein Krankenhaus gebracht worden.

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Am Nachmittag soll der Prozess mit der Vernehmung von Zeugen aus dem Umfeld von Sanel M. fortgesetzt werden.

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Nachdem die Freundinnen von Tugce ausgesagt hatten, schilderte ein Rettungsassistent anschließend die Umstände des Notarzteinsatzes.

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Übereinstimmend wollten die Zeuginnen außerdem gehört haben, dass der Angeklagte eine Kampfsportschule besuche. Woher sie das wissen, sagten sie nicht.

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Die Verteidigung von Sanel M. wies darauf hin, dass Formulierungen wie "sie kamen aus allen Ecken" abgesprochen wirkten. Auch der Vorsitzende Richter Jens Aßling äußerte einen solchen Verdacht.

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Bei der Fortsetzung des Streits auf dem Parkplatz des McDonalds seien immer mehr junge Männer hinzu gekommen, die zur Gruppe von Sanel M. gehörten - anfangs seien es etwa sechs junge Männer gewesen, später dann zwischen zehn und 15 Personen.

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Den Schlag des Angeklagten gegen Tugce hat die Zeugin nach eigener Aussage zwar nicht gesehen, aber gehört. "Das war ein Geräusch so laut, als ob jemand einen Fernseher aus dem Fenster wirft", sagte die Zeugin unter Tränen.

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Tugce und ihre Freundinnen hätten auf die Beschimpfungen reagiert, indem sie zurück pöbelten, allerdings deutlich weniger aggressiv, sagte die 21 Jahre alte Studentin. "Halt die Fresse!" habe Tugce zu Sanel gesagt.

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"Es wurden üble Beleidigungen ausgesprochen. Ich habe so etwas noch nie gehört", sagte die Zeugin über die Gruppe um Sanel M. 

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Der Angeklagte und seine Kumpels hätten in der Tatnacht bereits vor den Toiletten des Schnellrestaurants in Offenbach Tugce und ihre Freundinnen angepöbelt, sagte nun heute eine 21-jährige Freundin der Getöteten aus.

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Am Nachmittag beginnt die Vernehmung von Freunden des Angeklagten Sanel M.. Zwei junge Männer sind geladen.

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Das Landgericht Darmstadt hat außerdem am dritten Verhandlungstag Rettungssanitäter und einen Notarzt als Zeugen geladen.

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Zunächst werden weitere Freundinnen von Tugce vernommen. Die Befragung von Zeuginnen aus der Gruppe um Tugce am zweiten Verhandlungstag ließ einige Fragen offen.

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Heute beginnt der dritte Verhandlungstag gegen Sanel M., der Tugce in Offenbach vor einem Burger-Imbiss geschlagen haben soll. Die Studentin starb an den Folgen des Schlages.

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Zweiter Verhandlungstag

Der Prozess wird am kommenden Montag (04.05) mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt. Außer Freundinnen Tugces sollen auch Kumpels von Sanel gehört werden.

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Da sich Zeugin Julie S. nicht mehr an ihre Aussage beim polizeilichen Verhör erinnern konnte (sie hat damals erzählt, dass Tugce zurückgehalten wurde und sich losreißen wollte), stellte Sanels Verteidigung einen Antrag auf § 253 Abs. 1. Damit soll ihre Aussage im Polizei-Protokoll als Beweis aufgenommen werden.  

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Weder der Angeklagte, noch die Gruppe um Tugce Albayrak sollen betrunken gewesen sein, so die Zeuginnen einvernehmlich. "Im Club haben wir uns eine Flasche Jackie geteilt. Wir waren 10 bis 13 Mädchen. Das war ein Glas zum Anstoßen für jede", erinnert sich Alma A., die in der Tatnacht ihren Geburtstag feierte. An Sanel M. seien ihr auch kein Lallen und Torkeln aufgefallen.

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"Da wurde die Mutter beleidigt von A bis Z", erinnert sich eine Zeugin an die Beschimpfungen der jungen Männer auf dem McDonald's-Parkplatz. Kurze Zeit später habe Sanel M. zugeschlagen.

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Bei der Vernehmung der vierten Zeugin wird deutlich, dass die Veröffentlichung des Überwachungsvideos durch die „Bild“-Zeitung durchaus Einfluss auf den Prozess hat. Die Zeugin gab an, dass sich mehrere der vorgeladenen Zeugen das Video angesehen haben.  

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In der Mittagspause schildert der Anwalt von Tugces Familie, Macit Karaahmetoglu, dass die Verteidiger von Sanel versuchten eine möglichst große Provokation von Tugce darzustellen. Die Gegenseite wolle aber zeigen, dass der Täter und seine Freunde schon vor den Schlägen gepöbelt haben und sich aggressiv zeigten.

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Eine Zeugin sagte, Sanel habe mit der linken Hand ausgeholt, flach zugeschlagen und Tugce an der Schläfe getroffen. „Sie hat die Augen direkt zu gehabt und ist umgefallen.“

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Weitere Details aus den Zeugenvernehmungen: Ein Freund habe versucht, Sanel M. zurückzuhalten. Auch Tugce sei von einer Freundin zurückgehalten worden. Ob sie sich dabei losgerissen hat, um auf Sanel zuzugehen, konnte die 21-jährige Freundin von Tugce - anders als in ihrer ersten Vernehmung - nicht mehr sicher sagen.

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Vor der Mittagspause wurde auch die dritte Freundin von Tugce befragt. Auch sie reihte sich in die Aussagen der beiden anderen Zeuginnen ein und schilderte die Pöbeleien. Sie habe aus einem Auto heraus beobachten können, wie Sanel M. Tugce schlug. Ihre Aussagen decken sich mit den Bildern auf den Überwachungsvideos, die am ersten Verhandlungstag gezeigt worden sind.

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Mittlerweile wurde die zweite Freundin von Tugce befragt. Es handelt sich dabei um Alma A., die Schwester der ersten Zeugin Aidina A.. Sie bestätigte weitestgehend die vorher geäußerten Aussagen. Zudem sagte sie aus, dass sie selbst von einem Freund Sanels geschlagen wurde. Deshalb habe sie auch die eigentliche Tat an Tugce nicht genau beobachtet.

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Nun Schilderungen der Zeugin zu den Vorfällen auf dem Parkplatz: Zwischen den beiden Parteien kam es zu Pöbeleien und Handgreiflichkeiten. Plötzlich habe Tugce am Boden gelegen. Die Beschreibungen der Zeugin gehen weiter ins Details: „Überall war Blut“, Tugce habe gekrampft, eine stabile Seitenlage sei nicht möglich gewesen (die Zeugin macht eine Ausbildung zur Krankenschwester). Tugce sei anfangs nur teilweise bewusstlos gewesen. Auf einzelne Fragen antwortete sie angeblich noch mit „Ja“. Den Schlag gegen Tugce auf dem Parkplatz hat sie nach eigener Aussagen aber nicht gesehen.

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Die Zeugin Aidina A. beschrieb den Tatabend im McDonalds: Demnach waren die Mädchen vor Ort, um einen Geburtstag zu feiern. Zwischen 3.30 und 4 Uhr kamen sie zum McDonalds. Dort habe Sanel M. sie als „Schlampe“ und „Transe“ beleidigt. Als die Mädchen wenig später den Streit auf der Toilette mitbekamen, seien Tugce und zwei weitere ihrer Freudinnen hinterhergerannt. Laut Zeugin wurde Tugce dort von Sanel M. bedroht. „Du wirst sehen, was du davon hast“, soll er gesagt haben.

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Aidina A. weinte während der Befragung, auch bei Angehörigen im Besucherraum flossen Tränen.

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Tugces Freundin Aidina A. wurde vernommen. Dabei ging es hauptsächlich um die Vorgeschichten auf der Toilette des McDonalds. Wer hat wen beleidigt? Ging alles nur von Sanel M. und seinen Freunden aus oder haben auch Tugce und ihrer Begleiterinnen provoziert? Das Gericht hinterfragt immer wieder einige Ungereimtheiten zwischen den Zeugenaussagen bei der Polizei und den Aussagen nun vor Gericht. Demnach sind auch von Seiten der Mädchen Schimpfwörter gefallen.  

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Punkt 9 Uhr: Der zweite Prozesstag beginnt!

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Kurz vor Prozessbeginn sind erst etwa die Hälfte der Presseplätze besetzt. Der Besucherbereich ist dagegen fast voll. Anwesend ist unter anderem der Schwager von Tugce Albayrak, der in der vergangenen Woche die Mahnwache vor dem Gericht organisiert hatte.

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Heute sollen vor dem Landgericht voraussichtlich mehrere Freundinnen der getöteten Tugce gehört werden. Sie waren mit der 22-Jährigen gemeinsam in der Tatnacht im November im McDonalds.

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Um 9 Uhr beginnt heute der zweite Prozesstag im Fall Tugce Albayrak. op-online.de ist erneut live vor Ort und berichtet den ganzen Tag von den neuesten Entwicklungen. Die bisherigen Erkenntnisse: Es ist deutlich weniger los. Sowohl das Medieninteresse als auch die Anteilnahme rund um das Gericht sind abgeflacht.

Der erste Verhandlungstag (24. April)

Am Montag (27.04) geht es weiter im Strafverfahren gegen Sanel M.. Die acht weiteren Termine: 04.05, 08.05, 22.05, 27.05, 29.05 sowie 03.06, 12.06 und 15.06.

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Der Anwalt der Familie, Macit Karaahmetoglu, zweifelte nach der Äußerung von Sanel M. an der Aufrichtigkeit des Angeklagten. Der 18-Jährige habe sich nicht mit der Tat auseinandergesetzt. „Es waren floskelhafte Sätze.“ Oberstaatsanwalt Alexander Homm vertrat eine andere Auffassung: „Die Aussage war von Emotionen und erkennbarer Reue geprägt.“

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Der erste Prozesstag ist bald beendet. Die Jugendkammer hat insgesamt zehn Verhandlungstage eingeplant. Dabei sollen rund 60 Zeugen angehört werden. Ein endgültiges Urteil wird erst Mitte Juni erwartet.

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Der Prozess geht weiter: Der Richter hat die Öffentlichkeit von der Vernehmung zweier minderjähriger Zeuginnen ausgeschlossen. Die beiden Mädchen sollen in der Tatnacht vom Angeklagten Sanel M. und seinen Begleitern in der Damentoilette eines Offenbacher Fast-Food-Lokals belästigt worden sein. Tugce soll den beiden jungen Mädchen geholfen haben. Der Vorsitzende Richter Jens Aßling begründete den Ausschluss der Öffentlichkeit damit, dass die Zeuginnen geschützt werden sollten.

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Der Prozess wird kurz unterbrochen. Bis 13.30 Uhr ist Mittagspause. Im Anschluss werden die beiden Zeuginnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Ihnen soll Tugce vor dem Angriff von Sanel M. geholfen haben.

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Im Gericht wird das Video von der Überwachungskamera gesichtet. Später sollen dann die zwei Zeuginnen (13 und 14 Jahre alt) verhört werden.

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Vor dem Gerichtsgebäude herrschte bereits am Morgen „eine bedrückende Stimmung“, berichtet unsere Reporterin vor Ort. „Der Hintereingang war von der Polizei komplett abgesperrt. Ins Gebäude selbst durften nur Personen mit Erlaubnis nach einer Kontrolle.“ Insgesamt rund 100 Menschen waren vor dem Gerichtsgebäude

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Sanel M. war laut Staatsanwaltschaft bereits viermal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, darunter einmal wegen gefährlicher Körperverletzung. Er saß 2013 bereits in Jugendarrest.

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„Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben und sie ist dann umgefallen“, sagte Sanel M. zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Darmstadt. Er äußerte auch sein Bedauern: „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe“, sagte der 18-Jährige mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet.“

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Das Gericht entschied nach Beratung, dass die Öffentlichkeit dabei sein kann, wenn einer von Tugces Brüdern sich als Zeuge äußert. Der 25-Jährige sagte, der gewaltsame Tod seiner Schwester habe die Familie „total aus der Bahn geworfen“. Die Schockstarre sei inzwischen vorüber. „Wir sind jetzt in der Realisierungsphase. Die ist noch schlimmer.“

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Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt:

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

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Die Jugendkammer will am ersten Verhandlungstag zwei von insgesamt etwa 60 Zeugen hören. Außerdem soll sich der Vater von Tugce äußern können. Die Familie der getöteten Lehramtsstudentin aus Gelnhausen ist als Nebenkläger in dem Verfahren vertreten und besucht auch den Prozessauftakt.

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Der Angeklagte 18-jährige Sanel M. wurde laut dem Radiosender „FFH“ mit einer schwarzen Limousine an den Hintereingang des Gerichtsgebäudes gebracht. Der mutmaßliche Täter muss sich seit 9 Uhr wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor der Jugendkammer des Landgerichts verantworten. 

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Schon vor Beginn des Prozesses um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce haben sich vor dem Gericht in Darmstadt zahlreiche Zuschauer und Neugierige versammelt. Auch Tugces Familie - ihre Eltern und zwei Brüder - kamen. „Wir wollen auch an Tugces Zivilcourage erinnern“, sagte der Organisator Murat Capri. Die Großeltern mütterlicherseits trugen T-Shirts mit einem Bild ihrer Enkelin. Insgesamt haben rund 50 Personen an einer Mahnwache vor dem Gericht teilgenommen. Die Polizei war präsent, hielt sich aber im Hintergrund.

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Auch ein Redakteur der Offenbach-Post wird heute den Prozessauftakt im Gerichtssaal mitverfolgen. Das Interesse an dem Verfahren ist größer als die Zahl der Zuschauerplätze. Von den 52 Plätzen sind 25 für Medienvertreter reserviert. Da sich mindestens 46 Journalisten akkreditiert hatten, wurden einige Plätze verlost. Journalisten dürfen im Gerichtssaal weder Handy noch Laptops benutzen und können nur in den Sitzungspausen berichten, da sonst ihr Platz verfällt. Angesetzt sind insgesamt zehn Verhandlungstage.

Lesen Sie dazu auch den ausführlichen Artikel:

Frage nach dem Ausmaß der Schuld

Die Studentin Tugce A. war am 15. November 2014 in Offenbach nach einem Schlag an den Kopf auf den Boden gestürzt. Sie wurde dabei so schwer verletzt, dass sie ins Koma fiel. Die Eltern ließen später die lebenserhaltenden Apparate abschalten. Vor dem Landgericht Darmstadt muss sich nun seit heute der mutmaßliche Schläger Sanel M. verantworten.

Trauriger Abschied von Tugce A.

Abschied von Tugce

dpa/dr/san/dani/epd/nb

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