Angeklagter hat Morddrohungen erhalten

„Wir wollen Gerechtigkeit“: Erste Details zum Prozess um Mark Herbert

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Mark Herbert auf dem Weg in den Gerichtssaal. Weitere Motive des Prozessauftaktes finden Sie in der Bildergalerie.

Offenbach - Drei Halswirbel brechen bei dem Angriff, Mark Herbert sitzt seither im Rollstuhl. Zum Prozessauftakt spricht der Angeklagte von einem schrecklichen Unfall. Herberts Anwalt findet deutliche Worte.

Wortlos rollt der junge Mann im Rollstuhl den Gang des Gerichtsgebäudes entlang. Ein kleiner schwarzer Hebel ist unterhalb seines Kopfes an einem Ausleger angebracht, er steuert mit dem Kinn. Auf der einen Seite begleitet von seiner Mutter, auf der anderen von seinem Anwalt, geht es an Fotografen und Kamerateams vorbei in den Saal des Darmstädter Landgerichts. Fast vier Jahre ist es her, dass Mark Herbert beim Aussichtsturmfest in Offenbach brutal zusammengeschlagen wurde. Heute hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Angreifer begonnen. Die Vorwürfe gegen den heute 30-Jährigen wiegen schwer. Mehrmals soll er Kopf und Körper seines damals 23 Jahre alten Opfers mit voller Wucht gegen die Mauer des Aussichtsturms geschlagen haben, selbst als der Mann bereits wehrlos am Boden lag noch einmal nachgetreten haben. Drei Halswirbel brachen, das Opfer kann nicht einmal mehr seine Arme bewegen. So schildert es Staatsanwalt Dirk Schillhahn in seiner Anklage. Er hält es deshalb für versuchten Totschlag. Das Gericht ließ die Anklage jedoch zunächst nur mit dem Vorwurf der schweren Körperverletzung zu. Auch in diesem Fall drohen dem Angeklagten bei einer Verurteilung mehrere Jahre Haft.

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Der 30-Jährige stellt den Vorfall zum Prozessauftakt völlig anders dar. Herbert habe ihn und andere Besucher auf dem Aussichtsturm betrunken angerempelt und den Streit gesucht. Auch die anschließende körperliche Auseinandersetzung am Fuß des Turmes sei von Herbert ausgegangen. „Ich bin kein perfekter Mensch und habe Fehler gemacht. Aber was mir vorgeworfen wird, habe ich nicht begangen“, sagt der Angeklagte. Seine Aussage liest der 30-Jährige hastig von einem Blatt Papier ab. Immer wieder verhaspelt er sich und setzt neu an. Frei aus der Erinnerung vom Abend des Vorfalls zu berichten, lehnt er auf Nachfrage der Richterin ab. „Es war ein schrecklicher Unfall“, sagt Verteidiger Armin Golzem nach der Verhandlung der Deutschen Presse-Agentur. In den Medien sei sein Mandant bereits vorverurteilt worden. „Er hat sogar Morddrohungen erhalten.“ Für die kommenden Verhandlungstage kündigte Golzem Beweise an, die den Angeklagten entlasten würden.

Herberts Anwalt Jörg Dietrich bezeichnete die Darstellung des Angeklagten dagegen als „völligen Humbug“. „Das geht schon schwer an die Nieren.“ Die Historie des Angeklagten spreche ein anderes Bild. Es gebe Zeugen, die sagten, dass halb Offenbach vor dem 30-Jährigen Angst habe. Tatsächlich gab es schon kurz nach der Tat mehrere anonyme Hinweise auf den 30-Jährigen. Er war den Ermittlern auch bereits wegen anderer Gewaltdelikte aufgefallen. Zur Festnahme kam es jedoch erst drei Jahre nach der Tat, nachdem in der TV-Sendung „Aktenzeichen XY“ über den Fall berichtet wurde. Dietrich sagt, es gehe Herbert gar nicht um das Strafmaß. „Wir wollen Gerechtigkeit. Im Urteil sollte stehen, dass der Mann versucht hat, jemanden zu töten.“ Er könne sich durchaus vorstellen, dass dem Angeklagten das Geschehene Leid täte. „Aber man muss schon zu dem stehen, was man gemacht hat.“

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Die Auseinandersetzung weckt Erinnerungen an den Fall Tugce, der sich ebenfalls in Offenbach ereignete. Die 22 Jahre alte Studentin wollte im November 2014 einen Streit schlichten und wurde vor einem Fast-Food-Lokal von einem 18-Jährigen mit einem Schlag niedergestreckt. Sie schlug mit dem Kopf auf den Boden und erlag später ihren schweren Verletzungen. Der Angreifer wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, der Prozess zählt zu den bewegendsten des vergangenen Jahres. Staatsanwalt Schillhahn sagte heute zu Ähnlichkeiten zwischen den beiden Fällen nur: „Es ist immer schwierig, solche Fälle miteinander zu vergleichen.“ Für den Prozess in Darmstadt sind noch sieben weitere Verhandlungstage angesetzt. Zunächst wird die Aussage des Opfers erwartet. Ende Juli könnte dann ein Urteil fallen.

dpa

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