Prozessauftakt gegen jungen Einbrecher aus Lauterborn

„Musti“ und seine Kumpels: Weit mehr als 100 Einbrüche

Offenbach -  Weit mehr als 100 Einbrüche gehen auf das Konto einer Bande von jungen Männern, die vorwiegend aus Lauterborn stammen. Ein Prozess vorm Amtsgericht gegen einen der mehr als ein Dutzend Täter verschafft Einblicke in deren Vorgehen. Von Matthias Dahmer

Mostafa M. gibt den reuigen Sünder. Mit sonorer Stimme und in wohlgesetzten Worten versucht der 23-Jährige, der seit Monaten in Untersuchungshaft sitzt, das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck davon zu überzeugen: Die ihm zur Last gelegten Einbrüche seien Beschaffungskriminalität gewesen, um den Kauf von Haschisch zu finanzieren. Für die vielen Joints habe man Geld gebraucht, sagt M., der zumindest drei der ihm von Staatsanwältin Kathrin Rudelt vorgeworfenen Taten zugibt. Und er sagt: „Ohne die Drogen wäre ich jetzt vielleicht im vierten Semester Jura“. Für Richter Beck ist angesichts solcher Sätze die Zeit des geduldigen Zuhörens vorbei: „Sie sind ein bedenkenloser Einbrecher und wollen Jura studieren! Das passt nicht zusammen.“

Von März bis August 2015 hat die Bande, deren Treffpunkt vorwiegend ein Spielplatz in Lauterborn war, in wechselnder Besetzung Dutzende von Einbrüchen begangen. Angeklagt sind 20 Taten. Wählerisch waren die Täter bei ihrem Vorgehen nicht. Ein an den Spielplatz angrenzendes Haus in der Bethnal-Green-Straße, in dem nur eine ältere Dame wohnte, war ebenso Einbruchsziel wie Wohnungen im Buchrainweg, in Bieber oder eine Firma in Frankfurt.

Die Täter schreckten nicht davor zurück, ihre Freundinnen und Bekannten auszunutzen: So wurde in einem Fall im Haus der Großeltern der Partnerin Beute gemacht, als diese im Urlaub waren. In die Frankfurter Firmenräume – der Wert der Beute lag dort bei 11.000 Euro – gelangten die Täter mittels eines Schlüssels, den eine der Freundinnen als Mitarbeiterin des Unternehmens hatte. Die meisten Mittäter von Mostafa M. sind vor dem Jugendschöffengericht angeklagt, einige auch schon verurteilt.

So etwa der als Zeuge geladene A. Der 19-Jährige – er ist etwas einfacher gestrickt als der eloquente Angeklagte – verbüßt wegen der Einbrüche eine dreijährige Jugendstrafe und wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Oder der schmächtige Mohammed C., der erst 16 Jahre alt ist, derzeit im Zuge einer Bewährungsstrafe Arbeitsstunden ableisten muss und eine elektronische Fußfessel trägt. Sie alle stellen sich und den Angeklagten als starke Kiffer dar, die insgesamt um die 20 Gramm Cannabis und damit etwa 200 Euro pro Tag benötigt hätten. Aus Polizei- und Gerichtskreisen wird dazu angemerkt, es handele sich, wie so oft in solchen Prozessen, vermutlich um Schutzbehauptungen, damit – Drogentherapie inklusive – die Bestrafung milder ausfällt.

Nach abgesprochenen Aussagen hört sich an, was die Zeugen zur – von ihm geleugneten – Beteiligung des Angeklagten an jenen Taten erzählen. Während die Bandenmitglieder bei ihrer Vernehmung durch die Polizei ausgesagt hatten, Mostafa M. sei dabei gewesen, geben sie vor Gericht an, M. habe bei den fraglichen Taten nicht mitgemacht. Belastet hätten sie ihn bei der Polizei nur, weil sie damals „Hass auf den Musti wegen der einen oder anderen Sache“ gehabt hätten.

Die Geschichte von den Kiffern, die Geld benötigen, um den nächsten Joint zu finanzieren, deckt sich auch nicht so recht mit den Erkenntnissen der ermittelnden Beamten. Die das Großverfahren leitende Polizistin sagt als Zeugin aus, es habe sich nicht um klassische Beschaffungskriminalität gehandelt. Der Drogenkonsum habe in der Gruppe zwar dazugehört, letztlich habe er aber keine herausragende Rolle gespielt. Vielmehr habe die Bande, bei der keiner erkennbar Anführer gewesen sei, die Einbrüche begangen, um sich Luxusartikel wie teure Handys und Klamotten leisten zu können. „Und wohl auch, um den Girls zu imponieren“, merkt Richter Beck kurz an.

Den Prozessen gegen die Bandenmitglieder waren monatelange Ermittlungen der Kommissariate 21 (Einbruch) und 35 (Mehrfach-Intensiväter) vorausgegangen, ehe Anfang September 2015 der Zugriff erfolgte. Weil bei einem der ersten Einbrüche ein Zeuge ein Täter-Quartett beobachtet hatte, das wegen seiner absteigenden Größe von 1,90, 1,80, 1,70 und 1,60 Metern auffiel, lief das gesamte nachfolgende Ermittlungsverfahren (EV) polizeiintern frei nach Lucky Luke unter „EV Dalton“.

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Rubriklistenbild: © dpa

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