Sechs Jahre Haft für Überfall

Raub klappte erst im zweiten Anlauf

Offenbach - Wenn Aussage gegen Aussage steht, heißt das noch lange nicht, dass ein Übeltäter deswegen freigesprochen wird. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Diese Erfahrung musste der Serbe Sabahudin H. (37) vor dem Darmstädter Landgericht machen. Er wurde von der vierten Strafkammer wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung zu sechs Jahren Haft verurteilt – einzig auf der Erinnerung des Opfers beruhend, das ihn aus 161 polizeilichen Lichtbildern wiedererkannte. Obwohl sich die Tat bereits am 20. April 2009, also vor sieben Jahren ereignete, hat die ehemalige Tankstellenpächterin G. auch 2016 beim Blick auf den Angeklagten keine Zweifel: „Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Ich bin mir 1000-prozentig sicher. Das hier ist der Mann!“

Was dem Erinnerungsvermögen der 64-jährigen Mühlheimer Rentnerin sehr zugute kommt, ist der Umstand, dass sie im Treppenhaus der städtischen Sparkasse an der Berliner Straße gleich zweimal den beiden Räubern begegnet ist. Den Komplizen kann sie kaum beschreiben, doch bei H. gibt es für sie nicht den Funken eines Zweifels.

Der Bericht des Opfers beginnt sechs Tage vor der Tat: „Es war der 14. April 2009, als ich die Wochenendeinnahmen von beiden Tankstellen zur Sparkasse bringen wollte. Ich fahre wie üblich in die Tiefgarage.“ Als sie in den Fahrstuhl zwischen den beiden Glastüren, die zu Garage und Treppenhaus führen, steigt, sieht sie auf der zweiten Treppenstufe zwei Männer stehen, von denen einer nach ihr Ausschau hält. „In dem Moment wusste ich, jetzt passiert was, die werden dich oben abpassen“ so die Nebenklägerin.

Und genauso war es. Als der Lift im Erdgeschoß öffnet, steht der eine Mann wie eine Säule wortlos vor ihr und blockiert den Ausgang. Doch diesmal ist das Glück noch auf ihrer Seite: Ein Ehepaar kommt aus einer Tür und will in den Fahrstuhl. Am ganzen Körper zitternd zwängt sich G. an der breiten Gestalt vorbei in die Sparkasse. Sie gibt einem Mitarbeiter Bescheid, doch die beiden potenziellen Täter sind beim Nachsehen schon verschwunden.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

„An dem Tag war es gescheitert“, konstatiert G.. Die darauffolgenden Tage begleiten der Ehemann oder der Schwiegersohn die Geldbotin. Doch am 20. April steht sie wieder allein mit den Wochenendeinnahmen in der Tiefgarage: „Insgesamt 31.245 Euro hatte ich in zwei Geldtaschen dabei – die Einnahmen aus den beiden Tankstellen in der Mühlheimer und in der Strahlenberger Straße.“ Nach dem Öffnen der ersten Glastür kommen ihr die beiden Männer „in original gleicher Kleidung“ entgegen. Mit der mehrfachen Anweisung: „Komm ruhig, sonst du tot!“ und einer langen Messerklinge in Hüfthöhe bleibt G. nichts anderes übrig, als die Geldtaschen herauszugeben. Die Männer fliehen, G. wählt mit zittrigen Fingern die 110.

Im gleichen Zeitraum musste das Ehepaar G. auch noch einen heimischen Einbruch verarbeiten. Durch den Überfall sei ihr Leben aus den Fugen geraten. Zwei Jahre sei sie in Therapie gewesen, das Ehepaar mussten beide Tankstellen aufgeben. Die Hälfte der geraubten Summe zahlte die Versicherung zurück.

H. selbst, der hierzulande keinen festen Wohnsitz mehr hat, machte zur Sache keine Angaben. Er ist kein unbeschriebenes Blatt: In Deutschland trat er bereits zehnmal polizeilich in Erscheinung, kurz nach dem Raub in der Sparkasse verbüßte er sechs Jahre in österreichischer Haft wegen bandenmäßigem Einbruchdiebstahls. Im November 2015 wurde er an Deutschland ausgeliefert. H.s geschiedene Frau und der 15-jährige Sohn leben nach wie vor in Offenbach - die Verbindung zur Stadt ist also nicht zu leugnen und wurde als weiteres Belastungsindiz gewertet.

Rubriklistenbild: © dpa

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