Reisebüros verzeichnen kaum Stornierungen

Wer sich auskennt, fliegt in die Türkei

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Heiß laufende Telefone, weil die Kunden ihre Türkeireisen stornieren? Fehlanzeige bei Offenbacher Reisebüros.

Offenbach -  Der Sommerurlaub steht kurz bevor: Doch für 87 Prozent der Deutschen kommt die Türkei laut aktueller Umfrage als Reiseziel nicht in Frage – aus Furcht vor Terroranschlägen. In Offenbach spiegelt sich der bundesweite Trend kaum wider. Von Julia Radgen

Ein Grund laut lokaler Reiseanbieter: Wer sich auskennt, fühlt sich sicherer. Man nehme an, ein Offenbacher erhalte Nachricht von einer Bombe in Mainz – er werde nicht gleich in Panik verfallen ob der Bedrohung. Mit diesem fiktiven Beispiel erklärt Michael Pferr, Inhaber des Bürgeler Büros „Reisepartner“, warum ihm keine Stornierungen für Türkeireisen vorliegen. „Die Gäste kennen sich aus, sie waren schon mal dort.“ Dadurch besäßen Terroranschläge, wie jener am vergangenen Dienstag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen „eine andere Wertigkeit“, meint Pferr.

Bisher rät das Auswärtige Amt lediglich zu „erhöhter Vorsicht“. Eine Reisewarnung hat es nicht ausgesprochen. Erst in diesem Falle können Kunden kostenlos stornieren, bis dahin sind sie auf die Kulanz des Veranstalters angewiesen. Der Bürgeler Pferr meint: „Wer sich die Türkei als Reiseziel aussucht, der weiß, dass das Anschlagsrisiko dort höher ist.“ Und trete seinen Urlaub an. Gleichzeitig bestätigt der Reisebüro-Chef, dass sich dieses Jahr weniger Kunden als früher für einen Türkeiurlaub entscheiden. Spanien und Griechenland stünden höher im Kurs als die „preislich unschlagbare“ Türkei.

Auch in Bieber hat sich die Angst vor dem Terror schon früher am Beratungstisch bemerkbar gemacht: „Wir haben weniger Türkei-Buchungen als in den letzten Jahren“, sagt Christel Gehrlein vom „Reiseladen“. Die Kunden seien um ihre Sicherheit besorgt und buchten andere Ziele wie Spanien.

Genauso verhält es sich bei Karin Wagner, der die Agentur „Wagner Reisen“ in Tempelsee gehört. Stornierungen lägen ihr nicht vor. Das erklärt Wagner, die sich auf Schiffsreisen spezialisiert hat, auch mit einem „Kurswechsel“ der Anbieter von Kreuzfahrten. „Viele Reedereien, die die Türkei anfahren, ändern ihre Routen.“ Eine Entscheidung, die wohl dem Sicherheitsbedürfnis vieler Kunden entgegenkommt – und den Stornierungswunsch verhindern soll. Einem einzigen musste zmi Sahin, Inhaber des gleichnamigen Reisebüros in der Bleichstraße, bisher nachkommen: „Ich hatte bisher nur eine Stornierung.“ Eine ältere Dame hatte Angst und wollte ihren Flug nicht antreten. Den Ticketpreis habe Sahin der Frau ohne Gebühr erstatten können, das ermöglicht Turkish Airlines für Flüge nach Istanbul-Atatürk bis zum heutigen Dienstag. Mit weiteren Absagen rechnet Sahin nicht, er stellt auch keinen Einbruch fest: „Ansonsten sind alle Flüge zu hundert Prozent ausgebucht.“

Ganz anders die Lage bei „Alexander Reisen“. Der Kundenstamm des Büros in der Schlossgrabengasse stammt zu 95 Prozent aus der ehemaligen Sowjetunion. „Wir haben dieses Jahr noch gar keine Türkei-Reisen verkauft“, sagt Geschäftsführer Boris Moldavski, dessen Landsleute als eine der wichtigsten und kaufkräftigsten Touristengruppe in der Türkei galten.

Als Grund nennt Moldavski den „Streit zwischen den beiden Länder“, seitdem das türkische Militär Ende des Jahres ein russisches Kampfflugzeug abgeschossen hat. Die vom Kreml erlassene Tourismussperre wurde erst jetzt wieder aufgehoben. Das Ende der Sanktion zeigt sich prompt im Offenbacher Reisebüro: „Wir haben jetzt schon ein paar Anfragen für die Türkei.“ Aber die, grenzt Moldavski schnell ein, bezögen sich auf die Küstenstadt Antalya, nicht auf Istanbul. Das, so vermutet er, wohl aus Bedenken um die Sicherheit.

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