Lobbyismus verhindert weitere Maßnahmen

Rewe setzt Zeichen gegen zu viel Plastikabfall

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Frisches Obst und Gemüse, das nicht in einer Plastiktüte eingepackt ist, auf das Kassenband zu legen, kommt für viele Supermarkt-Kunden nicht in Betracht. Noch gibt es keine Alternative zu der Verpackung aus Kunststoff. Der Lebensmittelmarkt Rewe sucht nach einer umweltfreundlichen Lösung, hat in Gesprächen aber mit Lobby-Interessen zu kämpfen.  

Offenbach - Schluss, Aus, Ende! Mit einer großen PR-Aktion ist bei Rewe gestern offiziell die letzte Plastiktüte über das Band gerollt. Der Lebensmittelmarkt setzt damit auf mehr Nachhaltigkeit. Doch bei einem Gang durch die Regale fällt auf: Es könnte noch viel mehr Plastik eingespart werden. Von Steffen Müller

„Das war’s noch nicht!“, versprach einst Uli Hoeneß großspurig, bevor er sich für 21 Monate in die JVA Landsberg verabschiedete. „Das war’s noch nicht“ könnte auch das Motto beim Kampf gegen zu viel Plastikmüll lauten. Zwar hat Rewe mit dem Verkaufsstopp von Plastiktüten als Tragetasche für den Einkauf ein sehr gutes und lobenswertes Zeichen gesetzt, doch ist das erst der Anfang der Mühen, Kunststoff deutlich zu reduzieren. 500.000 Plastiktüten hat Rewe in all seinen Offenbacher Filialen im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr eingespart. Seit dem Verkaufsstopp gibt es an den Kassen nur noch Tragetaschen aus Papier, die je nach Größe für 10 oder 20 Cent zu erhalten sind und damit genauso viel kosten wie der Vorgänger aus Plastik. „Wir wollen, dass bei unseren Kunden ein Nachhaltigkeitsgefühl einsetzt“, erklärt Bernd Föll, Expansionsmanager bei Rewe. Deshalb setze sein Unternehmen auch vermehrt auf Bio-Lebensmittel und auf regionale Produkte, so Föll.

Wie kann es dann aber sein, dass bei so viel Umweltbewusstsein selbst Mais aus der Region oder eine halbe Melone in Plastik eingewickelt sind, und dass für den Kauf von Obst und Gemüse nur Plastiktüten zum Einpacken zur Verfügung stehen? „Dafür gibt es noch keine Lösung“, gesteht Föll, betont aber, dass sich Rewe mit dem Problem beschäftige. Auch Bürgermeister Peter Schneider, der gestern im Markt an der Christian-Pleß-Straße die letzte Rewe-Plastiktüte symbolisch entgegen nahm, sieht beim Kampf gegen den Plastikmüll noch viel Einsparpotenzial. „Es gibt weiter etwas zu tun, beispielsweise die Reduzierung von Einwegflaschen“.

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Doch den Vertretern von Rewe und dem Grünen-Politiker Schneider scheinen bei ihrem Unterfangen im Kampf gegen den Plastikmüll die Hände gebunden zu sein. „Es werden Gespräche mit der Industrie geführt, aber da sind viele Lobby- und Wirtschaftsinteressen im Spiel“, erklärt Föll die schwierigen Verhandlungen. „Die Plastiktüten zu verbannen, war der erste Schritt, den wir machen konnten“, sagt Rewe-Bezirksmanager Bastian Rötschke. Und es klingt durch, als ob es - gefangen im Lobbyismus - die vorerst einzige Maßnahme bleiben wird. Eine Alternative zu Kunststofftüten für Obst und Gemüse fällt Föll und Rötschke auf die Schnelle nicht ein. Den Zuspruch von den Kunden hätten die Rewe-Vertreter allerdings: „Es müsste geändert werden, dass man sein Obst und Gemüse in Plastiktüten einpackt. Bisher wird man dazu aber noch gezwungen“, sagt beispielsweise Ursula Fassauer, die aber optimistisch ist, dass auch diese Tüten bald verboten werden.

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Es gebe sogar jetzt schon einige Kunden, die bei Obst und Gemüse auf die Tüten verzichteten, berichtet Bülent Yigit, Marktleiter an der Christian-Pleß-Straße. Dass aber nicht alle Kunden ihre Pilze, Äpfel oder Tomaten einzeln an der Kasse auf das Band legen wollen, dafür hat er auch Verständnis. Es ist noch ein langer Weg zur Plastikfreiheit. Und schon ist die Parallele zu Uli Hoeneß wieder da; „Das war’s noch nicht!“

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