Groß angelegte Kontrollen von RMV, OVB und Polizei

Schwarzfahrer im Visier: Der ehrliche Kunde zahlt mit

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„Fahrkarten bitte!“: Nikolaus Belz hat bei der Kontrolle an der Station Offenbach-Ost einige Schwarzfahrer erwischt. Diese junge Frau hat ein gültiges Ticket.

Offenbach - Etwa drei bis vier Prozent aller Bus- und Bahnnutzer im RMV-Gebiet fahren ohne Ticket. Klingt wenig, kostet den Verkehrsverbund aber um die 25 Millionen Euro im Jahr. Ein Verlust, der auf zahlende Fahrgäste zurückfällt. Von Sarah Neder 

Eine große Kontrollaktion an der Haltestelle Offenbach-Ost sollte gestern auf das Problem hinweisen. Sobald ein Bus einfährt, muss alles ganz schnell gehen: Türen auf, Kontrolleure rein, Türen zu. Einer der Männer in den blauen Westen ist Nikolaus Belz: Schnurrbart, Lesebrille, Lokomotiv-Krawattennadel. Zehn Jahre lang Bahner, seit drei Jahren Kontrolleur beim RMV. Bevor er sich flink durch den Gang arbeitet, sagt er den wohl meistgesprochenen Satz der Stunde: „Guten Tag, die Fahrkarten bitte.“ 17 Kontrolleure von RMV und OVB sowie ein gutes Dutzend Polizisten fangen gestern Nachmittag jeden Bus ab, der an der Station Offenbach-Ost hält. Das Gleiche haben sie am Vormittag bereits am Hauptbahnhof getan. Es ist die erste Aktion dieser Größe in Offenbach. Sie soll ein Zeichen gegen das Schwarzfahren setzten.

Etwa 25 Millionen Euro muss der RMV wegen Schwarzfahrer im Jahr einbüßen. „Diesen Verlust zahlt der ehrliche Fahrgast“, sagt Verkehrsverbund-Chef Knut Ringat. Wenn mehr Menschen ein Ticket kaufen würden, könnten die Preise wenigstens stabil bleiben. Die Aktion in Offenbach ist Bestandteil einer großen Anti-Schwarzfahrer-Kampagne: 2014 wurden die Prüfstunden der Kontrolleure um 50 Prozent erhöht, seit Anfang 2016 kostet das Erwischtwerden 60 statt 40 Euro. Außerdem versucht der RMV mithilfe einer Stiftung, Ursachen für das Verhaltensmuster zu finden. Warum Fahrgäste kein Ticket lösen, erforscht Stephanie Schwerdtfeger für ihre Doktorarbeit. Aus Befragungen von Schwarzfahrern habe sie zwei Gründe erkennen können: Die einen können, die anderen wollen nicht bezahlen. Besonders letztere Gruppe blende aus, dass Schwarzfahren ein Straftatbestand sei.

„In dem Job braucht man ein dickes Fell“

RMV-Chef Ringat: „Das ist genauso ernst zu nehmen, wie wenn ich einen Anzug im Kaufhaus klaue.“ Bei wiederholtem Mitfahren ohne Ticket, droht eine gerichtliches Verfahren. Der nächste Bus schiebt sich in die schmale Spur der Unterführung. Nikolaus Belz und seine Kollegen halten ihre Lesegeräte bereit, steigen ein, gehen von einem Insassen zum nächsten. Doch diesmal steigt er nicht allein aus, er hat eine junge Frau im Schlepptau. Ungültige Fahrkarte. Sie verteidigt sich lautstark, bevor es zur polizeilichen Aufnahme ihrer Daten geht.

Der Ton, der den RMV- und OVB-Mitarbeitern entgegenschlägt ist oft ruppig: „In dem Job braucht man ein dickes Fell“, sagt Belz. „Wenn man das mit nach Hause nimmt, ist das Leben nicht schön.“ Es herrscht immer noch das Bild eines gnadenlosen Uniformträgers vor, der nach dem Motto lebt: Nur ein ertappter Schwarzfahrer ist ein guter Schwarzfahrer. „Uns geht es nicht darum, möglichst viele dranzukriegen“, räumt Belz mit den Vorurteilen auf. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern bekomme das Personal in Hessen auch keine Prämie pro gefasstem Betrüger, erzählt er. Wäre es so, hätte er gestern eine dicke Provision bekommen. In fast jedem Bus sitzt ein Schwarzfahrer, in manchem sogar drei oder vier. Morgens am Hauptbahnhof hat Belz mehr als 20 Businsassen ohne Fahrschein gestellt.

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Das harte Durchgreifen rechtfertigt RMV-Projektleiter Axel Heise mit Gerechtigkeit. „Es geht um das Geld von allen.“ Ein Unrechtsbewusstsein bei den Ertappten gebe es so gut wie nie. Heise betreut das sogenannte Service-Team des RMV, dem auch Nikolaus Belz angehört: Die Mitarbeiter sollen nicht nur kontrollieren, sondern auch beraten, beispielsweise bei Fragen zum Tarifgebiet.

Sie bekommen beigebracht, respektvoll mit den Kunden umzugehen. „Schubladendenken hat bei uns gar nichts verloren“, sagt Heise. Schwarzfahrer könnte auch die 80-jährige Omi sein, die nur eine Kopie ihrer Bahn-Card bei sich hat. Einen gewissen Handlungsspielraum hätten die Kontrolleure normalerweise schon. An diesem Mittwoch aber ist hartes Durchgreifen erwünscht.

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