Ein runder Geschmack

Offenbach - Der Einkaufszettel fürs Wochenende ist gesund: Nach dem Ehec-Erreger und -Nachrichten den Appetit verdarben, ist wieder Grünes und Leichtes angesagt. Ein sommerlicher Salat. Eichblatt, Friseé, Gurke, ein paar Tomaten – für den farbliches Kontrast. Von Martin Kuhn

Tja, das ist schnell und einfach gesagt. Am Stand von Heidi Jung, Oberräder Gemüseanbauerin mit hessischer Direktheit, ist der Kunde nicht nur König, sondern auch überfordert. Auf mehr als 100 verschiedene Tomatensorten will sie es in diesem Sommer bringen. Mehrere Dutzend sind schon geerntet und warten auf die Leckermäuler.

Wenn’s vor dem Stand etwas enger wird, fragen ganz kecke - oder naive - Männer schon mal nach einem Plastikbeutel: „Ich pack’ sie mir auch selbst ein...“ Die haben das Schild nicht gelesen, das sich zugegebenermaßen etwas zwischen den 72 Steigen mit Nachtschattengewächsen verliert: „Finger weg!“ Heidi Jungs Blick spricht zwar Bände, sie unterstreicht es aber zur Sicherheit: „Selbstbedienung gibt’s hier nicht.“ Also Achtung, ihr Ungeduldigen: An die selbst gezüchtete Tomaten-Vielfalt legt nur die Chefin Hand an. Na gut, die Mitarbeiterinnen auch.

Die sprichwörtliche Qual der Wahl hat dann der Kunde. Heidi Jungs Tomaten sind nicht nur rot, rund und prall. Form- und Farbenvielfalt ist angesagt: Länglich, flach, faltig, klein, riesig. Braun, violett, weiß, grün, orange, gelb. Ähnlich kreativ sind die Namen, die sich die Oberräderin freilich nicht selbst ausgedacht hat: Etwa Smaragdapfel. Oder Anna Marias Herz. Und Polish Pastel nicht zu vergessen. „Aber das hier“, grinst sie den Redakteur an, „ist mein absoluter Liebling: Stierhoden.“

Rund 17.000 Kilo im vergangenen Jahr

Gut, und wie steht’s mit dem Geschmack? „Alle Klasse.“ Heidi Jung schnappt sich ein Messer und teilt eine Aunt Rubys: „Probier mal... Und?“ „Tomatig.“ Oh Mann, jetzt guckt Heidi Jung schon wieder so komisch... Nur weil die Geschmacksnerven so unterschiedliche Impulse versenden und nicht gleichermaßen sensibel sind, um diese feine Balance zwischen Säure und Süße zu ergründen. „Dann eben die German Green.“ Puuh. Die kleine grüne Tomate sieht eigentlich sauer aus. Aber so kann man sich täuschen – herrlich süß und fruchtig. „Aber die schafft es eigentlich nie bis auf den Wochenmarkt. Die essen wir schon im Gewächshaus“, sagt Jung und grinst breit.

Diese stehen an der Bethmann-Hollweg-Straße. Dort zieht die Familie Jung, ihr Mann Reiner wird meist vergessen, auf 5000 Quadratmeter ihre Tomaten. „Ein paar Rennpferde, die den Ertrag bringen, und viele Exoten - es ist eben mein Hobby.“ Seit dem 10. März ist sie unter Glas aktiv unterwegs. Säen, gießen, hochbinden, ausgeizen. Letzteres ist entscheidend für den Ertrag. Dabei werden die Seitentriebe gekappt, damit die ganze Kraft in die Früchte geht und nicht in das Laub. Das ist unerwünscht. Im vergangenen Jahr hat sich diese langwierige Arbeit gelohnt. Annähernd 17.000 Kilogramm erntete die Familie und brachte sie letztlich auf den Tisch der Kunden.

„Tomaten-Königin Heidi“

Tomaten pflanzten Indios in Süd- und Mittelamerika an. Erst vor etwa hundert Jahren wurden die deutschsprachigen Länder mutig und probierten die roten Früchte. Sie waren begeistert - und seitdem ist die Karriere der Tomate nicht mehr aufzuhalten. Rechnerisch isst jeder Deutsche etwa 130 Tomaten pro Jahr. Wer denkt, dass Heidi Jung mit ihrer persönlichen Tomatenzucht die ganze Vielfalt anbietet, könnte jetzt enttäuscht sein. Im weltweiten Datennetz wird auf „Tomatensorten aus aller Welt“ hingewiesen – und das mit mehr als 20 000 Sorten.

Da reicht es für die Oberräderin, deren Freundin Anne Visitenkarten mit dem Aufdruck „Tomaten-Königin Heidi“ entwerfen und vervielfältigen ließ, wohl noch nicht mal bis zur Prinzessin. Aber das macht nichts. Zumindest in Offenbach darf sie sich als uneingeschränkte Expertin für die Nachschattengewächse fühlen.

Wenn’s nach Heidi Jung geht, werden die Tomaten sofort verzehrt – am liebsten pur auf einem guten Butterbrot. Für die Aufbewahrung empfehlen etwa die Internet-Küchengötter: „Eine gerade reife Tomate bleibt ein bis zwei Wochen lang frisch und lecker, wenn sie bei etwa zwölf bis 15 Grad lagert – also an einer kühlen Stelle in der Wohnung oder im Keller. Kühlschrank-Luft macht sie fest und fad, auf dem Kühlschrank reift sie schnell nach, was nur bei zu viel Grün auf Dauer gut ist. Aber Achtung: Beim Reifen lässt die Tomate das Gas Ethylen ab, das auch anderes Gemüse und Obst anspornt.“

Rubriklistenbild: © dpa

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