„Im Jenseits ein Gewinner“

Salafismus als Jugendbewegung: Expertin über radikale Muslime

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Professorin Dr. Susanne Schröter ist Islam-Expertin und schilderte ihre Forschung im Klingspor-Museum.

Offenbach - Sie sind religiös, radikal, rebellisch: junge Salafisten und Jihadisten. Im Klingspormuseum gab Expertin Susanne Schröter von der Goethe-Universität Frankfurt Einblicke in eine Parallelwelt. Von Sarah Neder

Ein wenig überschattet wurde der spannende Abend vom Ausraster eines Besuchers, der von der Polizei in Obhut genommen werden musste. Das Liebespaar steht Hand in Hand im hüfthoch gewachsenen Gras. Er trägt weißen Kaftan, bauschigen Vollbart. Sie schwarzen Ganzkörperschleier. Darunter steht in schnörkeligen Buchstaben: Mein Mujahid. Mein Gotteskämpfer. Bilder wie diese, sagt Professorin Susanne Schröter, sind typische Propaganda des „Islamischen Staats“. Sie werden auf Internettplattformen verbreitet und sollen vor allem junge Frauen anwerben. Mädchen, oft nicht älter als 16, wird der Traumprinz mitGewehr über der Schulter versprochen. Doch dafür müssen sie nach Syrien. Ins IS-Camp. „Und das klappt“, sagt Schröter.

Für die Reihe „Goethe lectures Offenbach“, eine Kooperation der Wirtschaftsförderung und des Exzellenzclusters „Normative Orders“ an der Frankfurter Goethe-Uni, spricht die Ethnologin über die islamistische Szene. Es scheint ein anziehendes Thema zu sein, mehr als 100 Besucher sind an diesem Abend ins Klingspormuseum gekommen.

Schröters Grundthese: Salafismus und Jihadismus weisen Merkmale von Jugendbewegungen auf. Mitglieder definieren sich also über Kleidung, Musik, Sprache. Darüberhinaus grenzen sie sich von der nicht-muslimischen Gesellschaft ab und fordern eine totalitäre Ordnung nach den Regeln des Koran. Schröter sagt, dass vor allem Teenager aus eingewanderten Familien anfällig für diese Ideologien seien. Der Extremismus zeige ihnen eine Perspektive, Strenggläubige verstünden das Hier und Jetzt nur als Zwischenwelt, schildert die 57-Jährige. „Irgendwann kommst du in den Himmel, und da herrscht Dauer-Party.“

Dieses Versprechen, hat die Professorin erkannt, ist besonders für jugendliche Männer attraktiv, die schonmal im Leben gescheitert sind, die Schule abgebrochen oder sich’s mit Freunden verbockt haben. Die Referentin kennt das Verlockende an der Paradies-Prophezeiung: „Auch wenn du immer ein Verlierer warst, im Jenseits bist du ein Gewinner.“

Susanne Schröter arbeitet seit 2008 am Exzellenzcluster, ein vom Bund gefördertes Forschungsinstitut, und hat vor zwei Jahren das Frankfurter Forschungszentrum Islam gegründet. Ihre wissenschaftliche Herkunft liegt in der Geschlechterforschung, den sogenannten Gender-Studies. Die Brücke zum Islam hat sie so gefunden: „Ich habe in Indonesien gelebt und mich dort mit muslimischen Feministinnen beschäftigt, die sich wiederum gegen den radikalen Islam und dessen Frauenverständnis gewehrt haben.“

Großes Polizei-Aufgebot bei Salafisten-Versammlung

So zerlegt Schröter auch den religiösen Fanatismus anhand der Gender-Theorie. Denn: „Männer und Frauen sind in dieser Bewegung getrennt organisiert.“ Der „Islamische Staat“ lockt deshalb mit einer ausgeklügelten Propaganda, zugeschnitten auf das jeweilige Geschlecht. Einmal brutal, einmal romantisch.

Junge Männer werden mit Baller-Videos, Grausamkeiten, Waffen, Autos und Frauen geködert. Schröter zeigt Beispielbilder von scheinbar gutgelaunten Männerhorden die auf großen Pick-up-Trucks durch die Wüste jagen. Um junge Frauen werben die Jihadisten hingegen mit Zärtlichkeit, etwa mit den eingangs geschilderten Liebesversprechen, mit Fotos von Kämpfern samt Katzenbabys. Doch die Mädchen sollen nicht zum Kämpfen nach Syrien kommen, weiß Susanne Schröter: „Sie werden den Männern versprochen und zwangsverheiratet.“

An der auf den Vortrag folgenden Fragerunde beteiligen sich viele interessiert. Ein Teilnehmer jedoch, der schon während des Vortrags durch aggressive Zwischenrufe aufgefallen ist, bekommt einen regelrechten Wutanfall, als er nicht zum Zuge kommt. Weil er seine These aus Zeitgründen nicht mehr in großer Runde ausbreiten darf, schreit er und beschimpft die Referentin. Unter heftigem Widerstand wird er vom Wachpersonal des Museums ins Freie befördert. Dort nimmt sich die Polizei seiner an.

Protest gegen Salafisten

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