Läuft die Nutzungsfrist ab, droht die Zerstörung

Das Schicksal der Grabsteine

+
Auf diese Grabsteine vom Rumpenheimer Friedhof wartet die Schottermühle. Nach Ablauf der Nutzungsfrist haben Angehörige mindestens sechs Monate Zeit, das Grab räumen zu lassen. Sonst gehen die Steine in den Besitz der Stadt über und werden zu Bauschutt verarbeitet.

Offenbach - Grabmale haben nicht nur einen sentimentalen Wert, ihr Material ist oft auch teuer. Doch egal wie wertvoll ein Stein ist, wenn das Nutzungsrecht für die Ruhestätte auf Friedhöfen abläuft und sich die Angehörigen nicht wegen einer Verlängerung melden, wird er zu Schotter. Eine Schande nennen das Offenbacher Steinmetze. Daran ändern können und wollen sie aber nichts. Von Steffen Müller 

Beim Gang über den Friedhof fallen sie immer wieder auf: Kleine, gelbe Punkte, die auf den Grabsteinen kleben. Durch diesen farblichen Hinweis werden Familien informiert, dass das Nutzungsrecht für das Grab in Kürze abläuft. 25 Jahre beträgt in Offenbach das Nutzungsrecht für Reihengräber, 30 für sogenannte Wahlgräber. Eine Verlängerung der Dauer ist, gegen Gebühr, relativ unproblematisch möglich. Doch was passiert mit den Grabsteinen wenn die Frist verstreicht und nicht verlängert wird? „Der Stein gehört den Angehörigen“, stellt Gabriele Schreiber, die Chefin der städtischen Friedhöfe klar. Neben dem farblichen Hinweis werden Familien auch per Post darauf hingewiesen, dass das Nutzungsrecht bald endet. Besteht der Wunsch nach Verlängerung, müssen sich die Familien mit der Friedhofsverwaltung in Verbindung setzen. „Sechs Monate haben die Angehörigen locker Zeit, den Stein entfernen zu lassen, wenn das Grab nicht verlängert wird“, so Schreiber.

Die meisten Familien kümmern sich darum, dass das Grab geräumt wird und beauftragen entweder die Stadt oder einen Steinmetz, den Stein abzuholen, sollten sie sich gegen eine Verlängerung entscheiden, berichtet Schreiber. Doch es kommt immer wieder vor, dass Angehörige nicht mehr erreichbar sind und sich nicht um die Auflösung des Grabes kümmern. In diesem Fall springt die Stadt ein. Das Friedhofsamt entfernt dann die Grabsteine auf seine Kosten – wobei das schon bei den Offenbacher Friedhofsgebühren einkalkuliert sein dürfte.

Mit einem gelben Punkt weist das Friedhofsamt darauf hin, dass das Nutzungsrecht für ein Grab bald abläuft.

Die Steine weiterzuverkaufen, kommt für Gabriele Schreiber nicht infrage. Zwar finden sich im Internet viele Interessenten für alte Grabmale, dennoch ist es für die Friedhofsleiterin keine Alternative, damit zu handeln, um Geld zu verdienen. Diese Haltung der Stadt betrifft nicht nur das Internet-Geschäft. Auch an örtliche Steinmetze werden keine Grabsteine verkauft. Was stattdessen mit den mehreren tausend Euro teuren Naturprodukten passiert, lässt einigen Steinmetzen in Offenbach die Haare zu Berge stehen. „Wir verarbeiten sie zu Bauschutt“, sagt Schreiber. Steinmetz Stefan Schneider von „Die Steinwerkstatt“ gibt zu verstehen: „Es ist schon sehr schade, dass die Steine zerstört werden. Ich würde allerdings nie einen Grabstein zurückkaufen. Wir bearbeiten ihn nur, wenn die Familie will, dass wir daran etwas ändern.“ Außerdem sei es oft gar nicht möglich, aus einem alten Grabstein einen neuen zu machen. „Die Inschriften müssen herausgefräst werden und dann passen die Maße oft nicht mehr“, erklärt Schneider.

Mit Zapfhahn oder Raumschiff - Gräber erzählen vom Leben

Auch für Michael W. Schneider von „Grabmale Schneider“ kommt es nicht in Frage, aus einem alten Grabstein einen neuen herzustellen. „Wir versuchen, das Material weiter zu verwenden, wenn uns die Familie darum bittet. Wir haben zum Beispiel aus einem Stein eine Tischplatte gemacht oder eine Blume geformt. Für einige Kunden scheint der Gedanke zwar makaber, sich ein ehemaliges Grabmal in den Garten zu stellen, aber wir versuchen alles, damit die Steine nicht zerstört werden und machen den Familien Vorschläge.“

Denn Schneider „blutet das Herz“, wenn beispielsweise ein teurer und seltener Odenwald-Quarz einfach so zerkleinert wird. „Das hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. Steine sind Naturprodukte, die über Millionen von Jahren entstanden sind.“ Dass Michael Schneider allerdings auf die Stadt zuginge, um nicht abgeholte Steine günstig zu erhalten, kommt für ihn nicht in Betracht. „Es ist auch gar nicht so einfach, da an die Stadt heranzukommen“, sagt Schneider, der über diesen Umstand gar nicht so unglücklich zu sein scheint. Denn: „Bei Grabsteinen sollte nicht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen.“

Bestattung auf Britisch

Kommentare