Streit um verstoßene Frau eskaliert

Hackmesser-Attacke nach Streit um Ehre der Schwester

Offenbach -  Eine verworrene Geschichte musste das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck an zwei Verhandlungstagen aufklären.

Angeklagt waren zwei Brüder (heute 43, im folgenden A., und 41, im folgenden B.), die vor vielen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kamen. Ihnen wurde vorgeworfen, am 31. Mai 2014 auf dem Flohmarkt am Mainufer auf zwei andere Brüder (heute 29, C., und 25, D.), deren Familien ebenfalls aus Afghanistan stammten, losgegangen zu sein. A. soll versucht haben, C. mit einem Fleischerbeil zu verletzen. Dabei kam ihm jedoch ein sich illegal in Deutschland aufhaltender Cousin (21, E.) der Attackierten in die Quere. Der wurde am Arm verletzt, blutete stark, hat heute noch zwei jeweils acht Zentimeter lange Narben am Arm.

Nach fast sechs Stunden Verhandlungszeit stellte sich heraus, dass Hintergrund der Tat ein massiver Streit um Ehre einer Familienangehörigen: D. denkt nach Angaben seiner Verwandten als einziger islamisch konservativ. Er meinte, dass die Frau seines Bruders zu emanzipiert lebe, und forderte seinen Bruder C. auf, sich von ihr zu trennen, was dieser auch befolgte.

Nun ist die verstoßene Frau die Schwester von A. und B. Die beiden verlangten, dass der Schwager die Scheidungsformel zurücknehmen möge: Denn Afghanen würden nicht bei einem kleinen Streit ihre Frau verstoßen. Solange er sich nicht versöhnt habe, solle C. nicht mehr unter die Augen seiner Schwäger treten. Auch nicht auf dem Flohmarkt. Als A. dann C. doch am Mainufer erblickte, ließ er ihm ausrichten, er solle verschwinden. Das fruchtete nicht. A. packte der Zorn, aus einem Messerblock eines anderen Flohmarkt-Beschickers zog er das Hackmesser und wollte seinem Schwager klar machen, dass er aus seinen Augen verschwinden müsse.

Heute lebt C. wieder mit seiner Frau zusammen. E. hat einen Asylantrag gestellt und wartet in einer Flüchtlingsunterkunft auf seine Anerkennung. D. widmet sich wohl weiter einem eher konservativ ausgeprägtem Weltbild und verlangte vor Gericht die Bestrafung von A. Sein Bruder wollte darauf verzichten.. Ob Asylbewerber E. tatsächlich den Angeklagten vor der Verhandlung anrief und ihm anbot, er werde gegen 5000 Euro auf eine belastende Aussage verzichten, blieb ungeklärt. Im Ergebnis stellte das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen A. vorläufig ein. Ihm wurde zur Auflage gemacht, 600 Euro Schmerzensgeld an E. zu zahlen, der unbeabsichtigt von ihm verletzt wurde. Gegen B. wurde das Verfahren ohne Auflage eingestellt. Ihm war vorgeworfen worden, C. mit einem Fahrradschloss geschlagen zu haben. Die Zeugenaussagen dazu waren jedoch sehr vage.

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Richter Manfred Beck äußerte dazu einen frommen Wunsch: „Es ist zu hoffen, dass die Familie ihren Weg findet in Frieden und Toleranz miteinander zu leben.“ Ihm hat der Prozess gezeigt, wie schwer es auch für auch für langjährig in Deutschland lebende Afghanen ist, eine Arbeit zu finden. Beide Angeklagte leben mit Frau und Kindern von Hartz IV. Es war bislang nicht möglich, sie in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. In dem sie bei Landsleuten gebrauchte Ware sammeln und diese auf dem Flohmarkt verkaufen, versuchen sie ein wenig den Lebensstandard zu heben. (tk)

Rubriklistenbild: © dpa

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