Das verbindende Element

„Tafel der Begegnung“ auf dem Marktplatz

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Ein Zelt und mehrere Reihen mit Sitzgelegenheiten für etwa 100 Menschen waren am Sonntag nahe der S-Bahnstation Marktplatz aufgebaut. Bei Speisen aus aller Welt kam man an der „Tafel der Begegnung“ ins Gespräch.

Offenbach - An einem gedeckten Tisch Platz nehmen, gutes Essen in Gesellschaft genießen und sich aufgehoben fühlen – das wurde vor allem für zahlreiche Zuwandererfamilien bei der „Tafel der Begegnung“ am Sonntag auf dem Marktplatz Wirklichkeit. Von Harald H. Richter 

Zurückhaltend und fast ein wenig scheu wirkt die dreifache Mutter, die mit zweien ihrer Nachkömmlinge am gedeckten Tisch Platz genommen hat. Die Bulgarin beherrscht die deutsche Sprache nicht, und dass sie heute überhaupt zum Marktplatz gekommen ist, hat sie der Überredungskunst von Nilgün Burghardt von der Migrationsberatungsstelle für erwachsene Zuwanderer zu verdanken. Sie weiß um die Hemmungen, die Menschen in ungewohnter Umgebung verspüren. „Dieser erste Schritt aus der Isolation ist daher ein ganz wichtiger“, sagt die Beraterin vom Verein für Kultur und Bildung (KUBI). Dass er gelingt, dafür sorgen an diesem Sonntagmittag die Stabsstelle Offenbach hilft des Freiwilligenzentrums um Sigrid Jacob und die Facebookgruppe der hiesigen Flüchtlingshilfe, für die sich unter anderem Eric Wolf ins Zeug legt.

Ein Zelt und mehrere Reihen mit Sitzgelegenheiten für etwa 100 Menschen sind nahe der S-Bahnstation aufgebaut. Schüsseln mit Speisen aus aller Welt werden herbeigetragen, alkoholfreie Getränke, Platten und Bleche voll mit Kuchen und Kleingebäck. Herzhaft-würzige Gaumenfreuden werden ebenso gereicht wie frische Früchte. Reinhild Wernig vom Kolpingwerk verteilt rasch noch zwei Dutzend Becher mit Obstsalat auf den Tischen. Dann dauert es nicht lange, bis die Bankreihen sich füllen und die demonstrative Tischgemeinschaft zur „Tafel der Begegnung“ wird. So unterschiedlich Kulturen, Sprachen und Religionen derer auch sein mögen, die an ihr Platz nehmen: „Essen verbindet“, freut sich Gabriele Türmer vom Organisationsteam, dessen Engagement das Zusammenleben in Offenbach stärkt.

Mit Unterstützung von KUBI, Internationalem Bund, Ausländerbeirat und katholischem Dekanat bietet die von insgesamt 16 Gruppen und Initiativen vorbereitete „Tafel der Begegnung“ im Zuge der Interkulturellen Wochen in Offenbach die Möglichkeit des Kennenlernens und des Austauschs. Schon bei den Gastmahl-Aktionen vergangenen Winter, als Flüchtlinge der Erstaufnahmeeinrichtung von Familien eingeladen wurden, war Essen das verbindende Element und ist es auch diesmal.

Bilder: OFC-Chancencamp für Flüchtlinge

Aus der seinerzeitigen Begegnungsform hat sich die neue Aktion entwickelt. Sie kommt bei den Gästen an, was bei den Organisatoren die Erkenntnis reifen lässt, dass eine Wiederholung sich lohnen sollte. Alteingesessene suchen in der Tischgemeinschaft das Gespräch mit den Zuwanderern, die zumeist aus Südosteuropa und Nordafrika stammen. Es gelingt, denn ein Übersetzer findet sich im Kreis der ehrenamtlichen Helfer allemal. Mitunter erweisen sich auch die Kinder von Neuankömmlingen als Sprachvermittler, da sie bereits Intensivkurse an Offenbacher Schulen besuchen, um möglichst rasch Deutsch zu lernen und ihre Eltern beim Eingewöhnen zu unterstützen.

„Es ist viel in Bewegung gekommen, seit wir vor einem Jahr mit der Flüchtlingshilfe angefangen haben, und nun stellen wir unser Engagement auf eine veränderte Plattform“, sagt Gabriele Türmer. Wie die Juristin ist auch Sigrid Jacob vom Freiwilligenzentrum davon überzeugt, dass sich die während jener Zeit entwickelten Projekte neu definieren, besonders was die Integration von in Offenbach angekommenen Menschen betrifft. Die Stadt der 156 Nationalitäten verfüge über ein engmaschiges Netzwerk. „Was her geleistet wird, findet anderenorts viel Beachtung“, so die Erkenntnis, die der städtische Ehrenamtsbeauftrage Reinhard Knecht kürzlich von einer Tagung aus Berlin mitgenommen hat.

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