In Bürgel

Tücken mit dem Fass gehören zu den vielen Ritualen der Kerb

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Nach kurzem Händeln mit dem störrischen Fass lässt es Charly Engert gewohnt elegant in die Gläser von Elke Albert und dem Kerbvadder Werner Schuster fließen.

Offenbach - Eine halbe Stunde vor dem Kerb-Auftakt am Dalles, betreibt das Main Duo mit Birgit Reuter und Heinzinger Michael einen Soundcheck. Esad Mulahmetovic brutzelt schon länger seine beliebten Pljeskavica. Von Stefan Mangold

Der Berler Kerbvadder trägt noch „Zivil“. Werner Schuster erzählt, wie er 1998 das Amt von Fred Stephan übernahm. Bis dahin hatten Bürgels Kerbvädder jährlich einander den Staffelstab in die Hand gedrückt. Doch als Schuster das Holz weiter reichen wollte, war niemand da... Längst kann sich keiner in Bürgel einen anderen mit Zylinder und blau-weißer Schärpe vorstellen als den 72-Jährigen, stets mit Elke Albert an seiner Seite, die zwar schon lange in der Marburger Gegend wohnt, aber keine Kerb sausen lässt. In diesem Jahr hätte es beunahe nicht geklappt. Denn: Elke Albert agierte als Chorsängerin und Schauspielerin in allen Vorstellungen des Musicals Postraub im Schloss von Biedenkopf und hatte schon die Luft angehalten, dass die eine oder andere Aufführung wegen Regen auf die Eröffnung der Kerb oder deren Beerdogung am Montag verschoben werden muss. Auf dem Weg zum Dalles winkt Elke Albert dem Kerbvadder schon von Weitem zu: „Alles gut...“

Anschließend spielen sich ein paar Meter weiter die Icebreakers von der Stadtgarde ein. Dahinter harren die Mitglieder des Vespaclubs darauf, dass es losgeht. Beide Gruppen sind die Garanten, den Kerbborsch Gorjelschwenker, den notorischen Tunichtgut und Suffbruder, nach einem Jahr in der Versenkung sicher vom Reichstag zum Dalles zu geleiten. Gorjelschwenker darf auf einer Vespa mitfahren. Die vielen Roller-Motoren sorgen während des kleinen Festzugs auf der Bürgerstraße für ein Verbrennungs-Odeur, das an die Nachkriegsjahrzehnte erinnert. Vorsitzender Peter Roser erzählt von der gemeinsamen Vereinsfahrt im Juni nach St. Tropez – bei gutem Wetter und entspannter Atmosphäre: „Gruppendynamisch lief alles super.“

Auch Prominenz zeigt sich am Dalles, etwa Manuela und Robert Pies, das OKV-Prinzenpaar von 2014. Für den in Bürgel aufgewachsenen Peter Freier ist die Kerbereröffnung ein Pflichttermin schon lange bevor er als Stadtkämmerer mitregierte. Auch ein weiterer Unionspolitiker schaut vorbei: Bundestagsabgeordnete Peter Wichtel. Norbert Best, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Bürgeler Vereine, wundert sich in seiner Begrüßung, Werner Schuster sei bis jetzt verbal „ganz handzahm aufgetreten“. Sorgen muss sich um den Freund des offen gesprochenen Worts jedoch niemand. Der Kerbvadder beklagt in seinem Vortrag etwa die Knöllchen-Flut am Friedhof: „Kaum biste weg, sinn se zur Stell, uff des Gass’ sieht man sie kaum, awwer am Friedhof lebe se ihr’n Traum.“

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Der Fassanstich obliegt in diesem jahr Charly Engert. Doch das Fass hat seine Tücken, die Engert erst mal sondieren muss. Die guten Ratschläge aus dem Publikum, von allen Seiten zugerufen, wirken in Momenten wie diesem ähnlich hilfreich wie Tipps beim Elfmeter. Engert behält dennoch die Ruhe. Nach kurzer Zeit fließt das Bier. Ein Getränk, das sich für jene, die generell Fleisch auf dem Teller meiden, vielleicht mehr als andere eignet; zumindest, wenn es nach dem Liedtext des Main Duos geht: „Auch der Vegetarier trinkt den Äppler gern, doch ist es ihm vielleicht nicht bewusst, er trinkt gepresste Werm.“ Heute, 20 Uhr, ist im Saal der Gemeinde St. Pankratius Kerbausklang. Bei freiem Eintritt gibt’s Gesang, Tanz, Kurzweil und am Ende des Abends ein feierliches Begräbnis...

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