In der Sandgasse schweigt man lieber

Momentaufnahme aus Offenbachs „Klein-Istanbul“

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Ein Wandbild in der Sandgasse weist auf die Verbindungen hin, die zwischen den Menschen aus beiden Städten bestehen.

Offenbach - Laut der offiziellen Bevölkerungsstatistik leben rund 6200 Einwohner mit türkischem Pass in Offenbach. Ihre Wurzeln im Land, in dem sich Europa und Asien treffen, haben allerdings noch viel mehr Offenbacher. Von Sadaf Sharaf 

Viele haben in den vergangenen Jahren von der Möglichkeit der Einbürgerung Gebrauch gemacht. In einem ZDF-Beitrag ist das türkische Offenbach am Wochenende „rund um den Marktplatz“ verortet worden. Konzentriert offenbart sich die türkische Lebensart aber eher in der Sandgasse, wo sich auch noch bauliche Reste des ganz alten Offenbach finden. In der Gasse, die Ziegelstraße und Schlossgrabengasse verbindet, finden sich ein türkischer Supermarkt, ein Döner- und Fischrestaurant, hier ist der Gebetsruf aus der türkischen Mevlana-Moschee zu hören, hier sind zahlreiche türkische Flaggen zu sehen. Ein Spaziergang durch diese kleine Ecke Offenbach bietet einen Einblick in die türkische Kultur.

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Türken in Offenbach über den Putschversuch

Angefangen beim kleinen Döner-Imbiss bis hin zu der Familien-Bäckerei, die ein großes Sortiment an süßem Gebäck und Brot vorzuweisen hat. Seit 18 Jahren hat die Bäckerei Cavus an der Sandgasse 28 ihren Standort, beschäftigt dort 60 Mitarbeiter. Im dazu gehörenden Café sitzen mehrere türkische Frauen am Tisch, plauschen fröhlich und genießen dabei ihren Tee. Neben der Eingangstür fällt vor allem das auf die Wand gemalte Emblem „Istanbul meets Offenbach“ auf. Es soll eine Verbindung zwischen Offenbach und Istanbul, der bevölkerungsreichsten Stadt der Türkei, unterstreichen.

Nur einige Meter weiter befindet sich der türkische Akin-Supermarkt, dessen Kunden vor allem sein günstiges und frisches Obst und Gemüse rühmen. Die Regale sind prall gefüllt mit typisch türkischen Backwaren und bunten Süßigkeiten, die Fleischtheke hält Rind, Lamm und Huhn bereit. „Wegen der Sommerferien ist es momentan etwas ruhiger, ansonsten läuft das Geschäft ziemlich gut“, sagt die türkische Verkäuferin. Zur gegenwärtigen Situation in ihrem Heimatland möchte sie sich jedoch nicht äußern – keine Zeit, sagt sie.

Fischmarkt und Döner-Imbiss

Nebenan befinden sich ein Fischmarkt und ein kleiner Döner-Imbiss. An dem zeigt sich Offenbachs Internationalität. Der Verkäufer stammt aus Marokko. Ihm ist das Geschehen in der Türkei fern. Sowieso interessiere er sich nicht besonders für Politik: „Ich habe meine eigenen Probleme und keine Zeit, mir Nachrichten anzuschauen.“ Das Haus daneben ist durch ein großes Schild mit Wappen ausgewiesen als Domizil eines Fanclubs des Istanbuler Fußballvereins Fenerbahce, ein Viertel im Stadtteil Kadiköy. Unter der Woche ist es verwaist. Die Verkäuferin im Supermarkt weiß aber, dass sich dort die Fans des vielmaligen Meisters der Süper Lig treffen, um zu grillen oder gemeinsam Fußball zu schauen. Aussagen zum Putschversuch oder Reaktionen darauf zu erhalten, ist in der Sandgasse schwer. Zumindest will niemand seinen Namen nennen. Einer der Anonymen flüstert eine wilde Theorie zu: Er ist sich ziemlich sicher, dass der Putschversuch von Erdogan selbst inszeniert worden sei. „Zurzeit bewegt sich die Türkei in die falsche Richtung“, betont der Türke.

Gegenüber vom Fenerbahce-Heim liegt die Moschee der Mevlana-Gemeinde, benannt nach einem persischen Mystiker und Dichter des Mittelalters. Ursprünglich ein kleiner Gebetsraum, bietet das Gotteshaus heute Platz für bis zu 500 Personen. Hier versammeln sich vor allem an Freitagen viele Muslime, um den auf Türkisch gehaltenen Predigten zuzuhören und ihr Gebet zu verrichten. Auch hier sind keine Stimmen zur Türkei einzufangen – umständehalber: Die Reporterin darf nicht rein, weil sie kein Kopftuch dabei hat; wegen der Ferien ist später auch niemand Offizielles ans Telefon zu kriegen.

Die Türkei im Ausnahmezustand

Zu Moschee und Mevlana-Gemeinde gehört aber eine für alle offene Gaststätte. Die ist gut besucht, auch weil sich Gläubige nach dem Gebet gern dort niederlassen. Die Gäste genießen ihre kalte Cola und lachen laut; hier deutet nichts auf die angespannte Situation im Heimatland hin. Nebenan befindet sich seit zweieinhalb Jahren das türkische Reisebüro Öz Tur Reisen. Was sich in der Türkei abspielt, hat bislang keinen Einfluss aufs Geschäft. „Die Buchungen sind nicht weniger geworden“, sagt der türkische Reisekaufmann. Aber auch er möchte nicht mit seinem Namen in der Zeitung auftauchen.

Ein Stimmungsbild aus Offenbachs „Klein-Istanbul“ ist kaum zu malen. Viele Angesprochene geben sich schlicht unbeeindruckt von den jüngsten Ereignissen, andere haben Bedenken, sich, in welche Richtung auch immer, öffentlich zu äußern.

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