Türken in Offenbach äußern sich zur Lage

Hier Angst, dort Verständnis

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Putschversuch in der Türkei.

Offenbach - Der Putschversuch in der Türkei ist gescheitert, der Kampf um so etwas wie fragile Stabilität hat begonnen - oder? Offenbacher Türken äußern sich zur Lage. Von Peter Klein

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Momentaufnahme aus Offenbachs „Klein Istanbul“

Nach dem Putschversuch in der Türkei stehen sich Befürworter der Regierung Erdogan und ihre Gegner unversöhnlich gegenüber. Wir haben das Gespräch mit Offenbacher Türken gesucht.  Die türkische Regierung macht die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich und geht brutal gegen sie vor. Der Imam weist jede Beteiligung zurück. Auch in Offenbach gibt es Vereine, und Institutionen, die der Gülen-Bewegung nahestehen, so das Medienunternehmen „World Media Group AG“ in der Sprendlinger Landstraße, der Nachhilfeverein Offenbacher Bildungs-Akademie oder der Kulturverein Mosaik.

Andererseits gibt es Menschen, die das Vorgehen des türkischen Präsidenten verstehen können, wie Muhsin Senol, der Vorsitzende der Partei Forum Neues Offenbach, für die er in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. Der Mann aus dem Führungskreis der Offenbacher Bildungs-Akademie (OBA) möchte seinen Namen nicht in der Zeitung finden. Er hat Angst, Angst besonders vor Anfeindungen gegenüber seinen Kindern, die in der Stadt groß werden. Sein Verein wurde ursprünglich von deutsch-türkischen Akademikern gegründet, die hier aufgewachsen sind. Den Anfang machte Nachhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund. Mittlerweile ist die Bildungs-Akademie auch für Integrationskurse zertifiziert.

Muhsin Senol hat Verständnis für Erdogans Reaktion.

Der Funktionär betont: „Wir verbreiten das Gedankengut von Gülen hier nicht, weil wir uns auf die lokale Bildung konzentrieren. Aber für mich ist er wichtig. Ich bin inspiriert von seinen Büchern. Das ist der Grund, warum ich mich hier ehrenamtlich engagiere. “ Für Muhsin Senol, den Vorsitzenden des Neuen Forum Offenbach, steht es außer Frage, dass die Gülen-Bewegung den kompletten türkischen Staatsapparat durchsetzt hat. „Anders als mit diesem Vorgehen jetzt kannst du einen Staatsapparat nicht säubern“, hat er Verständnis für die Politik von Staatspräsident Erdogan. Der Ausnahmezustand sei nur verhängt worden, um das Handeln der türkischen Regierung rechtlich abzusichern.

„Wir leben in zwei Welten und versuchen in beiden die Koexistenz zu schaffen, am meisten leiden wir europäischen Türken unter der Situation“, so Senol. Er vergleicht das deutsch-türkische Verhältnis mit einem Elternpaar, das sich permanent streitet: In den Deutschtürken sieht er die Kinder, die vergeblich rufen, „hört auf damit, wir wollen keine Scheidung!“. Der islamische Prediger Fethullah Gülen scheidet seit jeher die Geister. Ein bekannter Satz von ihm lautet „Baut Schulen anstatt Moscheen“. Auf Wikipedia ist ein Bild des Imams mit Papst Johannes Paul II. zu finden. Bis vor zwei Tagen fand sich dort auch ein Interviews von 1999, in dem er seine Anhänger aufgefordert haben soll, die Institutionen zu unterwandern.

Senol vergleicht die Gülen-Bewegung mit Scientology. Damit will er aber ausdrücklich nicht die mit Gülen sympathisierende Nachhilfelehrer meinen, sondern den inneren Führungszirkel der Bewegung. Von der Entlassung und Verhaftungswelle in der Türkei gibt er sich unbeeindruckt. Viele der zunächst Entlassenen seien ja bereits wieder eingestellt; und, ja, es gebe durchaus noch kritischen Journalismus in der Türkei. Dass Menschen auch in Offenbach Angst haben könnten, will der Steuerberater nicht akzeptieren und weist auf das gute Zusammenleben in der Stadt hin.

„Der Putsch ist jetzt drei Wochen her, und die Leute sind bekannt. Da müssten ja jetzt alle Gülen-nahen Läden brennen. Es gibt immer kleine Gruppen, die so etwas machen, aber daraus generell Grund für Angst abzuleiten, ist falsch“, so Senol. Bei der Offenbacher Bildungs-Akademie weiß man von einem Aufruf des Predigers, die Institutionen zu unterwandern, nichts. Man beruft sich eher auf den von Gülen geführten interreligiösen Dialog und die Bedeutung der Bildung. Angst herrscht jedoch um Freunde und Bekannte in der Türkei, die Freidenker sind. Schon einmal seien Eltern über SMS und soziale Medien unter Druck gesetzt worden, ihre Kinder nicht mehr zur Akademie in die Nachhilfe zu schicken. Zur Zeit sind Ferien, was danach kommt, wissen die Verantwortlichen nicht.

Einen Anruf der Polizei bei ihnen empfanden sie jedenfalls als beruhigend. Bernd Fenske vom Präsidium Südosthessen bestätigt, dass die Polizei grundsätzlich bei diesem Thema sensibilisiert sei. Was genau unternommen werde, wolle er aus polizeitaktischen Gründen nicht mitteilen. „Die Lage ist etwas angespannt, aber es liegt derzeit kein konkreter Hinweis vor“, so der Polizeisprecher. Bei der Offenbacher Bildungs-Akademie wünscht man sich, dass die Hintergründe des Putschversuchs in der Türkei schnell aufgeklärt werden. Wenigstens bei diesem Wunsch dürften sich Anhänger und Gegner von Recep Erdogan in Offenbach einig sein.

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