Erster Verhandlungstag

Tugce-Prozess: „Mama geht nicht mehr raus“

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Hohe Sicherheitsvorkehrungen: Die Polizei bewacht den Hintereingang des Landgerichts in Darmstadt, durch den Sanel M. zum Prozess gebracht wird. Der Angeklagt sitzt in Wiesbaden in Untersuchungshaft.

Darmstadt - Der Schmerz ist sofort da. die Tränen in der gleichen Sekunde. Als Sanel M. den Verhandlungsraum betritt, hält er sich ein Briefkuvert vor das Gesicht. Kein Bild von ihm soll in die Zeitung. Er ist vielleicht drei, vier Meter entfernt. Von Michael Eschenauer

Der 18-Jährige blickt nicht hoch, setzt sich sofort neben seine Anwälte. Es gibt nicht den Hauch eines Blickkontakts. Doch für Sultan Albayrak, Tugces Mutter, ist allein die Anwesenheit des mutmaßlichen Totschlägers zu viel. Es ist das erste Mal, dass sie mit dem Mann, der das Leben ihrer Tochter zerstörte, in einem Raum sitzt. Die Tränen kommen nicht nur ihr, sondern auch ihrem Ehemann Ali. Die beiden Brüder Dogus (25) und Ulas (27) sitzen wie versteinert auf ihren Plätzen. Ali legt den Arm um seine Ehefrau.

Der mit Spannung erwartete Prozess gegen den wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagten Offenbacher Sanel M., gestern im Saal 3 des Darmstädter Landgerichts, beginnt emotional: Familie und Freunde der Getöteten erscheinen mit T-Shirts, auf denen das Bild von Tugce aufgedruckt ist. Eine Geste, die der Vorsitzende Richter Jens Aßling mit dem Argument stoppt, hier gehe es - bei allem Verständnis - einzig um die Wahrheitsfindung. Das Gesicht der jungen Frau, deren Schicksal das ganze Land bewegte, muss verdeckt bleiben. Es verträgt sich nicht mit dem Grundsatz von Objektivität und Gerechtigkeit.

Tugce: Der Prozessauftakt im Ticker

Auf die hoffen Güler und Hidir Yildirim, Großmuter und Großvater Tugces. Sie warten in der langen Schlange vor dem Verhandlungssaal - insgesamt waren nur 27 Zuschauer und etwa genauso viele Pressevertreter zugelassen. „Wir hätten Tugce gerne irgendwann mit weißem Brautkleid in ihr Glück und in ein anderes Leben verabschiedet. Stattdessen verabschiedeten wir sie in ihren Tod.“ Dieser Freitag sei für die ganze Familie ein schwarzer Tag: „Für uns stirbt Tugce heute noch einmal.“

Der Vorsitzende Richter Jens Aßling

Die Verteidigung von Sanel M. wird sich wohl darauf konzentrieren, ein provokantes Verhalten auf seiten des Opfers nachzuweisen und die Schuld ihres Mandanten zu relativieren. Bewegung gibt es an diesem ersten von zehn Verhandlungstagen bei einem anderen wichtigen Thema: Oberstaatsanwalt Alexander Homm erklärt am Vormittag, die Aussagen der beiden 13- und 14-jährigen Mädchen, denen Tugce in der Toilette des Schnellimbisses am Kaiserleikreisel beistand, legten nahe, dass sich die beiden gar nicht so sehr von der Gruppe um Sanel M. bedroht fühlten. Homm; „Sie hätten wohl auch alleine aus der Situation herausgefunden.“ Nach der Aussage der Mädchen, bei der der Vorsitzende Richter am Nachmittag die Öffentlichkeit ausgeschlossen hatte, verändert sich das Lagebild jedoch. Macit Karaahmetoglu, der Anwalt der als Nebenkläger auftretenden Familie Albayrak: „Der Vorfall in der Damentoilette hat sich aus Sicht der Mädchen als eine bedrohliche Situation bestätigt. Diese Eindeutigkeit ergab sich nicht aus den Akten.“

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

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Und der Angeklagte? Er wirkt nach fünf Monaten Untersuchungshaft im Jugendgefängnis Wiesbaden kaum mehr wie ein Schläger, dem bereits vor der Tat Raubdelikte und schwere Körperverletzung zur Last gelegt worden waren. Er räumt die Tat unumwunden ein: „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe. Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet. Ich kann mir nicht vorstellen, was ich der Familie an Leid und Schmerz angetan habe.“ Das „Es tut mir so leid“ sagt Sanel M. mehrmals. Die persönliche Erklärung des eher schmächtig wirkenden Angeklagten ist nur wenige Worte länger als dieses Zitat. Sie wird unterbrochen von Schluchzen; Tränen lassen die Stimme versagen. Aber es ist kein Selbstmitleid, was der 18-Jährige unter der ruhigen Verhandlungsführung von Richter Aßling zeigt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Jugendstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren, im Falle einer Verurteilung als Erwachsener Haft zwischen drei und 15 Jahren. Welcher Maßstab angelegt werden wird, ist noch offen.

Bei Albayrak-Anwalt Karaahmetoglu kann er mit seiner Reue nur wenig punkten. „Er war bei der Tat weit entfernt von einem Zustand der verminderten Schuldfähigkeit. Seine Stellungnahme war viel zu knapp.“ Was Sanel M. von sich gegeben habe, seien „floskelhafte Sätze, die zeigen, dass er sich nicht wirklich mit der Tat auseinandergesetzt hat“. Natürlich wirke er „emotional berührt“. „Er ist ja schließlich wegen eines ernsten Verbrechens angeklagt“, sagt Karaahmetoglu in einer Verhandlungspause. Oberstaatsanwalt Homm quittiert den Auftritt M.s mit der Feststellung, dieser habe einen „reumütigen Eindruck hervorgerufen“. „Trauer, Mitgefühl, Reue und Einsicht müssen bei der Strafzumessung unter Umständen berücksichtigt werden“. Dogus, der jüngere der beiden Tugce-Brüder, ist vor Gericht der Mund der Familie Albayrak. Sein Vater sieht sich zu einer Zeugenaussage nicht in der Lage. Beide Eltern sind auch nicht im Raum, als acht Videomitschnitte des Tatherganges gezeigt werden. Auch Sanel M. schaut nur auf die Tischplatte vor sich, als zu sehen ist, wie die 22-Jährige nach seinem Schlag stürzt und sich die am Ende tödlichen Kopfverletzungen zuzieht.

Dogus beschreibt die Getötete als „lebensfrohe“, „hilfsbereite“ und zielstrebige junge Frau. Sie sei liebevoll gewesen und habe ein „hohes Gerechtigkeitsempfinden“ gehabt. Die Frage der Gutachter, ob die Lehramtsstudentin regelmäßig Alkohol konsumierte und bisweilen offensiv aufgetreten sei, verneint ihr Bruder. Der Tod Tugces habe die Familie tief getroffen, fast zerstört. „Es ist noch immer eine bittere Zeit für uns. Die Schmerzen halten an.“ Der ältere Bruder habe die Ausbildung abgebrochen. Er, Dogus, sein Studium der Wirtschaftswissenschaften unterbrochen. Der Gesundheitszustand des Vaters sei „extrem schlecht“. Und: „Mama geht eigentlich nicht mehr aus dem Haus.“ Beide Eltern seien nicht mehr arbeitsfähig. Man habe Geldsorgen. „Die Schockphase ist vorüber. Jetzt sind wir in der Realisierungsphase. Das ist noch extremer“, sagt Dogus

Die Eltern von Tugce im Gerichtssaal - die Mutter hat inzwischen eine Stiftung für Zivilcourage gegründet.

Sanel M. hat Jahre des Scheitern hinter sich. Nach der Grundschule schafft er zwar den Sprung aufs Gymnasium, bleibt aber nur bis zur 6. Klasse. Er schwänzt den Unterricht, fliegt von der Schule und schafft am Ende immerhin den Hauptschul-Abschluss. Am Montag nach seiner Festnahme war er zu einem Vorstellungsgespräch bei der Post eingeladen. Pläne für die Zukunft hat er immerhin wieder. „Ich will meine Ausbildung zu Ende bringen und arbeiten. Am liebsten im Einzelhandel oder bei einer großen Firma mit Perspektive.“ Das sind Worte, bei denen Sultan und Ali Albayrak zusammenzucken.

Auftakt des Tugce-Prozesses in Darmstadt 

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