Tugce-Prozess in Darmstadt

Frage nach dem Ausmaß der Schuld

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Tausende Menschen aus ganz Deutschland versammelten sich am Abend des 28. November auf dem Gelände des Sana-Klinikums, um ihre Solidarität mit Tugce zu bekunden.

Offenbach/Darmstadt - Kaum ein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte hat die Offenbacher mehr berührt, hat die Stadt mehr in den bundesweiten Fokus gerückt als der Fall Tugce Albayrak. Von Ira Schaible und Angelika Dürbaum

Fünf Monate nach dem tödlichen Schlag gegen die 22 Jahre alte Studentin an einem Offenbacher Schnellrestaurant beginnt nun der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Der 18-jährige Sanel M. aus Offenbach muss sich ab morgen wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Er sitzt seit der Tat Mitte November in Untersuchungshaft. Die Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Jens Aßling hat zehn Verhandlungstage angesetzt. Etwa 60 Zeugen und zwei Sachverständige sind geladen. Die Eltern der Lehramtsstudentin aus Gelnhausen treten als Nebenkläger auf. Drei Berufsrichter und zwei Jugendschöffen müssen sich bis zum 15. Juni ein Bild von der Tat und dem Angeklagten machen. Sanel werde sich vor Gericht zur Sache äußern, kündigte sein Anwalt Stephan Kuhn an. „Er bereut und es tut ihm unglaublich Leid.“

Freunde von Tugce haben zum Prozessbeginn eine Mahnwache gegenüber dem Gerichtsgebäude angekündigt. Bis gestern Abend hatten sich via Facebook etwa 600 Teilnehmer angemeldet. „Sie hat mit ihrer Zivilcourage und Organspende ein Zeichen gesetzt und ist zu einer Symbolfigur geworden“, heißt es in dem Aufruf. Bei Heranwachsenden wie Sanel ist das Verfahren grundsätzlich öffentlich. Zum Schutz des Angeklagten oder von Zeugen kann die 10. Große Strafkammer die Öffentlichkeit aber teilweise ausschließen. Das Interesse an dem Verfahren ist riesengroß. Von den 52 Plätzen im Gerichtssaal sind 25 für Medienvertreter reserviert, die im Vorfeld verlost wurden. Auch türkische Zeitungen werden dabei sein.

Was ist laut Anklage in den Morgenstunden des 15. November 2014 passiert? Tugce soll an diesem Samstag zunächst in der Damentoilette des Fast-Food-Lokals am Kaiserlei bei einem Streit zwischen Sanel und seinen Begleitern mit zwei Mädchen unter 14 Jahren eingegriffen haben. Dabei soll sie die drei jungen Männer erfolgreich aufgefordert haben, die Toilette zu verlassen. Einige Zeit später, um kurz nach 4 Uhr, kam es auf dem Parkplatz hinter dem Lokal zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gruppen um Sanel und Tugce. Dabei sollen Beleidigungen hin und her gegangen sein. Ein Begleiter, der auch mit auf der Toilette gewesen sein soll, soll Sanel davon abgehalten haben, auf die andere Gruppe loszugehen. Etwa zehn Minuten später soll Tugce einige Schritte auf Sanel zugegangen sein. Obwohl ihn sein Kumpel immer noch festhielt, schlug der 18-Jährige laut Anklage flach mit der rechten Hand so gegen Tugces Kopf, dass sie ohne jede Abwehrreaktion seitlich rückwärts auf den Asphalt fiel und mit dem Kopf aufschlug.

„Der Angeklagte soll erkannt haben, dass mit diesem Schlag die Gefahr eines solchen Sturzes mit tödlich verlaufenden Verletzungen verbunden sein kann“, stellt die Staatsanwaltschaft fest. Durch den Aufprall erlitt die Studentin ein Schädelhirntrauma mit Brüchen des Schädelknochens und fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Am 28. November, ihrem 23. Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maschinen im Sana-Klinikum Offenbach abgestellt. Zuvor gab es unter Tugces Krankenzimmer eine Mahnwache, an der Tausende Menschen teilnahmen, die aus ganz Deutschland angereist waren. Ein mit der Familie bekannter Pianist spielte mitten in der Menschenmasse die Lieblingslieder der jungen Frau. Da sie sich kurz vor der Tat einen Spenderausweis besorgt hatte, retteten ihre Organe durch Transplantation drei Menschen das Leben.

Mahnwache für Tugce vor dem Klinikum

Mahnwache für Tugce vor dem Klinikum

Zur Trauerfeier am 3. Dezember kamen Hunderte Menschen in die Moschee des Türkisch-Islamischen Kulturvereins nach Wächtersbach. Dazu wurde der Sarg zwischen einer deutschen und einer türkischen Fahne aufgebahrt. Viele Menschen trugen ein Foto von Tugce an der Jacke. Nach dem islamischen Totengebet wurde der Sarg in einem Konvoi zur Beerdigung ins nahe gelegene Bad Soden-Salmünster - Tugces Geburtsort - gebracht, wo 1 300 Menschen ihr das letzte Geleit gaben, darunter auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu, und Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD).

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Die Mindeststrafe für Körperverletzung mit Todesfolge beträgt bei einem Erwachsenen drei Jahre. Bei dem Angeklagten, der in der Tatnacht seinen 18. Geburtstag nachgefeiert haben soll, halten Beobachter eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht für wahrscheinlich. Dafür muss das Gericht eine Reifeverzögerung feststellen. Eine Jugendstrafe - also Gefängnis - liegt (außer bei Mord) zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Damit wäre auch eine Bewährungsstrafe möglich. Frühere Straftaten Sanels werden dabei auch eine Rolle spielen. Der 18-Jährige, dessen Eltern aus der Region Sandschak in Serbien stammen, war laut Anklagebehörde bereits viermal strafrechtlich in Erscheinung getreten, zweimal wegen Diebstahls, einmal wegen räuberischer Erpressung und einmal wegen gefährlicher Körperverletzung. Dafür saß er 2013 auch bereits im Jugendarrest.

Bislang nicht geklärt ist, wie Aufnahmen des tragischen Geschehens öffentlich werden konnten. Eine Boulevardzeitung präsentierte im Dezember im Internet ein Video aus einer Überwachungskamera, das den Streit auf dem Parkplatz am Kaiserlei zeigen soll. Interne Ermittlungen bei der Polizei laufen, es gibt aber noch keine Ermittlungsergebnisse, wie der Sprecher der Offenbacher Staatsanwaltschaft Axel Kreutz auf Anfrage erklärte.

Abschied von Tugce

Abschied von Tugce

An Tugces Schicksal nahmen in den sozialen Netzwerken und über Medienberichte Millionen Menschen Anteil. Viele verehrten und verehren die türkischstämmige Studentin als „Heldin“ und loben ihre Zivilcourage und ihr soziales Engagement. Eine Petition für das Bundesverdienstkreuz unterzeichneten mehr als 215 000 Menschen. Bundesregierung und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekundeten „große Sympathie“ für den Vorstoß. Bundespräsident Joachim Gauck kündigte kurz nach Tugces Tod an, prüfen zu lassen, ob die junge Frau posthum für ihre Zivilcourage geehrt werden soll. Wie es auf Anfrage unserer Zeitung beim Bundespräsidialamt hieß, dauert diese Prüfung noch an, ein Ende ist nicht absehbar. Kommunalpolitiker wollen in Offenbach eine Brücke nach ihr benennen. Im Gespräch ist eine der neuen Hafenbrücken. Nach Angaben von Stadtsprecher Fabian el Cheikh ist seit dem Beschluss im Dezember nichts mehr weiter passiert. Eventuell werde es nach dem Prozess eine Entscheidung getroffen, für die die AG Straßenbenennung zuständig ist, in der die Vorsitzenden der Stadtverordneten-Fraktionen sitzen.

An der Universität Gießen, an der Tugce Deutsch und Ethik für das Lehramt studierte, soll eine Gedenktafel angebracht werden. Kurz vor Weihnachten kündigte ihre Mutter an, eine Stiftung ins Leben rufen zu wollen, die jährlich einen Preis für Zivilcourage ausloben soll. Anfang dieser Woche erkannte das Finanzamt Gelnhausen die Stiftung als gemeinnützig an. Und was hat der Fall mit Offenbach gemacht? Der große Zusammenhalt der Menschen angesichts der tragischen Ereignisse sei vorbildlich gewesen, meint El Cheikh. Es sei ein starkes Signal ausgegangen von dieser so oft geschmähten Stadt, in der mehr als 150 Nationen friedlich zusammenleben.

Trauriger Abschied von Tugce

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