Voreilige Schlüsse fehl am Platz

Tugce-Fall: Schwerstarbeit für Juristen

+
Auch in Langen wird die Erinnerung an Tugce immer noch wachgehalten.

Offenbach - Ein Schlag, ein Sturz - ein Fall, der nicht nur Offenbach noch monatelang in Atem halten wird: Weiter liegen viele Details aus jener Nacht im November 2014 am Kaiserlei, als Tugce Albayrak nach einem Streit vor einem Schnellrestaurant ins Koma fiel und starb, im Dunkeln. Von Peter Schulte-Holtey

Doch seit gestern steht fest, dass die Aufklärung der Tat, die Gerichtsverhandlung, näher rückt. Dem 18-jährigen Sanel M. wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, wie die Staatsanwaltschaft Offenbach mitteilt. Er soll sich vor der Jugendkammer des Landgerichts Darmstadt verantworten. Unklar ist zunächst noch, wann das Verfahren gegen ihn beginnen wird. Der Offenbacher Staatsanwalt Axel Kreutz verweist unter anderem auf die Terminabstimmung des Gerichts mit den Nebenklägern, mit den beteiligten Anwälten und den Vertretern der Staatsanwaltschaft. Dabei will Kreutz auch mögliche, neue Beweisanträge nicht ausschließen. Eine Gemengelage, die ahnen lässt, dass es bis zum ersten Gerichtsauftritt von Sanel M., der in Wiesbaden im Jugendgefängnis sitzt, noch etwas dauern kann. Spätestens in einem halben Jahr werde es aber zur Hauptverhandlung kommen, verspricht der Offenbacher Ermittler.

Lesen Sie dazu auch einen Kommentar.

„Die Familie ist froh, dass es jetzt bald losgeht und die Spekulationen aufhören“, sagt ihr Anwalt Macit Karaahmetoglu im Gespräch mit unserer Zeitung. Schon jetzt steht fest: Es wird sehr spannend. Das macht auch die Reaktion der Familie auf Berichte über einen „tödlichen Ohrring“ deutlich. „Es war wie ein Schlag ins Gesicht der Eltern, plötzlich von den Medien die Falschmeldung zu erfahren, dass sich angeblich ihr Ohrring in den Kopf gebohrt und den Tod verursacht hat“, so der Verteidiger aus Ditzingen. Karaahmetoglu: „Es geht bei der Kopfverletzung um einen flachen und nicht um einen spitzen Gegenstand. Das ist ganz klar. Man weiß bei dieser Art von Verletzung einfach nicht, ob ein Ohrring überhaupt eine Rolle spielen kann.“ Die jüngsten Mutmaßungen über die Todesursache ihrer Tochter habe die Familie als rücksichtslos empfunden.

Auch Kreutz bezeichnet die Schilderung einer Zeitung, wonach vermutlich nicht der Schlag, sondern ein Ohrring zum Tode von Tugce führte, als unzutreffend. Doch der Ohrring bleibt für den Offenbacher Staatsanwalt nicht völlig außen vor. „Als mögliche Hypothese spielte er schon eine Rolle - aber mehr nicht“, sagt Kreutz.

So oder so könnte die Debatte über den Ohrringschon einen Hinweis darauf geben, in welche Richtung sich die richterliche Aufklärung in der Hauptverhandlung bewegen könnte. So wird es sicherlich darum gehen, ob der Schlag oder die Ohrfeige des 18-Jährigen unmittelbar zu den tödlichen Verletzungen der Studentin geführt hat. Strafverteidiger Jesko Baumhöfener erklärt es jetzt im Magazin „Focus“: „Zunächst müsste also eine Körperverletzung gegeben sein; das sogenannte Grunddelikt, welches der Heranwachsende vorsätzlich begangen haben müsste. Schon ein Schlag oder eine Ohrfeige würde eine Körperverletzung darstellen.“ Die schwere Folge, also der Tod, wäre dem 18-Jährigen unter anderem dann zurechenbar, wenn diese kausal auf den Schlag zurückzuführen wäre.

Der Hamburger Jurist macht zudem deutlich, dass ein sogenannter „gefahrspezifischer Zusammenhang zwischen Grunddelikt und der schweren Folge“ vorliegen muss. Baumhöfener: „Dies wird man für den Fall, dass Tugce Albayrak ohne Fremdeinwirkung, also ohne den Schlag, nicht gefallen wäre, annehmen können. Darüber hinaus müsste der Eintritt des Todes für den Tatverdächtigen vorhersehbar gewesen sein. Insbesondere mit der Frage der Vorhersehbarkeit der tödlichen Folge wird sich das Gericht mit Augenmaß auseinanderzusetzen haben.“ Dabei ist nach Angaben des Anwalts entscheidend, ob von Sanel M. „in seiner konkreten Lage, nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten der Eintritt des Todes im Ergebnis und nicht in den Einzelheiten des dahin führenden Kausalverlaufes vorausgesehen werden konnte“. Dabei müsse auch der vorangegangene Alkoholgenuss berücksichtigt werden.

Keine leichte Aufgabe für Juristen

Mit anderen Worten: Auf die Juristen wartet in der Verhandlung jede Menge Schwerstarbeit. Schließlich ist ja nicht völlig auszuschließen, dass weitere Gründe vorliegen könnten, die sich am Ende als vorteilhaft für Sanel M. entpuppen - oder dass er durch weitere Erkenntnisse schwerer belastet wird. Fachleute warnen schon länger vor voreiligen Schlüssen. „Das Gericht hat jetzt die schwierige Aufgabe, unabhängig von der Berichterstattung genau zu klären, was im Einzelnen passiert ist und sich ein möglichst umfassendes Bild von der Tat und dem Täter zu machen“, wird die Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, Theresia Höynck, zitiert.

Trauriger Abschied von Tugce Albayrak

Seit der Tatnacht geht es in den Medien und den sozialen Netzwerken immer wieder um die Gewalttat, ihre Hintergründe und den mutmaßlichen Täter. Tugce wurde als „Heldin“ gefeiert, als „Engel“ und „Vorbild“. Ihre Zivilcourage wurde gelobt und ihr Mut, mit dem sie den Streit in dem Fast-Food-Lokal geschlichtet haben soll. Ein grobkörniges Video vom Parkplatz gelangte an die Öffentlichkeit und soll die fatalen Momente zeigen. Darauf ist zu sehen, wie die Begleiter versuchen, die Wut des Beschuldigten zu bändigen. Die Situation scheint eigentlich beruhigt, als Tugce den Parkplatz betritt. Dann sieht es so aus, als gehe der Schläger auf sie zu und hole aus, als stürze sein Opfer und bewege sich nicht mehr. Doch auch dieses Video steht noch im Mittelpunkt von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion