Wladimir Kaminer entdeckt eine Szene-Stadt

TV-Reportage: Ausgerechnet Offenbach!

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Hippe Kulisse: Wladimir Kaminer am Mainufer in Offenbach

Offenbach - „Meine Oma sagt immer: Junge, du kannst alles machen. Aber fahre keine russischen Autos. Obwohl. Zu Offenbach passt das. "Von Lisa Berins

Wladimir Kaminer sitzt in zerschlissener gelber Jacke am Steuer seines Ladas und kurvt durch die Straßen von Offenbach – Es ist eine der ersten Szenen aus der Sendung „Kulturlandschaften“, die heute Abend auf 3sat ausgestrahlt wird. Der Schriftsteller macht sich in der Reportage-Reihe auf eine Reise durch die „deutsche Provinz“, auf der Suche nach Kunst und Kultur. Neben dem Allgäu, der Lausitz, Nordfriesland und Thüringen ist jetzt ausgerechnet Offenbach dran!

Bemerkenswert findet Kaminer, dass 155 Nationen hier miteinander leben – wie sie das tun, und ob sie miteinander klarkommen, das interessiert den Autor erst mal nicht. Warum auch. Irgendwie passt die Reportage ins Bild, das die Öffentlichkeit derzeit von Offenbach entwirft: Die schmutzige Schwester von Frankfurt, das hässliche Entlein, wird zum (nicht ganz astrein weißen) Schwan. Schandflecken werden zu Schönheitsflecken: Offenbach ist plötzlich das „trendige Szene-Girl“, findet eine Nachrichtenagentur sogar. Hoppla! Was ist passiert?

Erst vor einigen Wochen hatte eine ZDF-Reportage die Stadt mit dem eher verruchten Image im Visier, bei der Architekturbiennale in Venedig wird Offenbach derzeit als vorbildliche „Arrival City“ für Migranten präsentiert – „Offenbach is almost alright“ heißt es auf den Werbeplakaten. Auch für die Frankfurter scheint die Nachbarstadt „fast in Ordnung“ zu sein – besonders mit Blick auf die Mietpreise. Offenbach als günstige Szene-Stadt und kultureller Underdog. Jetzt also das nächste mediale Upgrade: die Kaminer-Tour.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach Teil 1

Den ersten Stopp macht der Moderator bei den Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk, die ihr Frankfurter Atelier nach Offenbach verlegt haben. Es folgen ein Besuch beim Filmclub, dessen Mitglieder nostalgische 70er-Jahre-Filmchen vorführen, beim schrulligen Maler Ruben Talberg, der „alchemistische“ Kunst fabriziert. Und bei Rapper Soufian, Schützling von Haftbefehl, der sich als Student outet. Im Parkhaus, wo die Jungs „chillen, mit zwei, drei Jacky-Dosen“ und „ein paar Joints rauchen“ entwickelt sich eine beinah-akademische Textanalyse der gerappten Proletarier-Verse.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach (Teil 2)

Kaminers Eindruck von der Stadt: „Ich halte Offenbach ja für sehr niedlich und süß.“ Soufian verteidigt: „Wenn Sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind, dann kann das eklig ausgehen.“ Gerade noch gerettet. Offenbach braucht zum Hipsein schließlich seine Schönheitsflecken!

„Kulturlandschaften: Offenbach am Main“, heute, 19.30 Uhr auf 3sat.

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