Ärger über Zustände in Bismarckstraße

Ungeziefer, Überbelegung, Unrat: Verwahrlost im Hinterhof

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Links: Die Schilder im Hinterhof warnen vor einer Baustelle, doch offensichtlich ist das Gebäude bewohnt. An den Briefkästen stehen mehrere Namen, die mit Bleistift auf eine Karteikarte geschrieben wurden.

Offenbach - Müllberge, Rattenkot, Bettwanzen – im Hinterhof an der Bismarckstraße verwahrlost ein Mietshaus. Und mit ihm die dort wohnenden Menschen. Von Sarah Neder 

Kontakt zur Eigentümerin gibt es kaum – das macht es nicht nur für die Bewohner schwer, sondern auch für die örtlichen Behörden. Jemand hat weißes Papier mit fetten schwarzen Großbuchstaben aufgehängt. TÜREN AB SOFORT GESCHLOSSEN HALTEN!!! und UNBEFUGTEN ZUTRITT VERBOTEN!!! steht darauf. Die Zettel kleben an der Tür des Vorderhauses. Wie ein blattdünner Abwehrmechanismus. Als brüllten sie: So geht’s nicht weiter! Im Hinterhof an der Bismarckstraße 108.

Das Vorderhaus ist im Gegensatz zum rückwärtigen Komplex nicht auffällig. Vorn: Spitzengardinen, Bilder an den Wänden. Hinten: Mit Holz verrammelte Türen, mehrere Lagen Putz blättern vom Stein. Wo offensichtlich Menschen hausen, warnen Schilder vor einer Baustelle. In der Garage nebenan stapelt sich Schrott bis unters Dach.

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Die Leiterin einer Offenbacher Weiterbildungseinrichtung, die ihren Namen und den ihrer Organisation nicht in der Zeitung lesen will, sieht dringenden Handlungsbedarf. Eine ihrer Klientinnen kommt aus dem Problemhaus. Wie schlimm die Zustände dort sein müssen, offenbart sich während eines Sprachkurses. Ein Insekt, das sich später als Bettwanze herausstellt, kriecht aus der Kleidung der Frau. Deren Arme sind mit Bissen übersät.

Von der Kursleiterin darauf angesprochen, berichtet die Mitdreißigerin, die wie viele Mieter in der 108 aus Bulgarien stammt, von ihrer Wohnsituation: auf den Fluren Ratten, keine Heizung, nur begrenzt fließendes Wasser, Bettwanzen in den Polstern. Mehrere Familien teilen sich eine Wohnung. Zur Eigentümerin gibt es keinen Kontakt. Stromrechnungen sind immer wieder nicht bezahlt worden. Das bestätigt die EVO. Für die Zahlung sei der Eigentümer verantwortlich. Die Außenstände lägen aber auch an der hohen Fluktuation in solchen Häusern, heißt es.

Lang in der Bismarckstraße 108 hausen will niemand. Wer es schafft, etwas Besseres zu finden, zieht aus. Osteuropäischen Zuwanderer ist das aber selten gegönnt. Viele nehmen deshalb das, was sie bekommen können.

Die Chefin der Weiterbildungsorganisation hält das Gammel-Haus für ein Zeugnis der Wegschauens. Die Stadt Offenbach hat die Problem-Immobilie an der Bismarckstraße jedoch schon lange auf dem Radar. Ordnungsamtsleiter Peter Weigand weiß sofort, um welches Haus es geht. „Bei den ersten Besichtigungen vor drei oder vier Jahren war ich selbst dabei“, sagt er. Die Beamten waren damals auf die Liegenschaft aufmerksam geworden, weil sich Nachbarn über stinkende Müllberge im Hinterhof beschwert hatten. Außer den Schrottmassen herrschten aber noch andere Probleme: Knapp 60 Personen waren 2013 noch im Hinterhaus gemeldet. Der Müll im Hof lockte Ratten an. Die Bauaufsicht und das Gesundheitsamt wurden eingeschaltet. Immer wieder gab es Kontrollen, Briefe an die Eigentümerin, Mahnungen. Reaktionen waren eher rar. „Das ist eine Höllenarbeit“, sagt Peter Weigand. Doch sie zeige langsam Ergebnisse.

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Anfang dieser Woche war das Ordnungsamt wieder in der Bismarckstraße. Es ging um erneute Müllansammlungen, die die Eigentümerin entfernen lassen sollte. Die Berge waren dezimiert. Nur vereinzelte Sperrmüllhaufen und Autos ohne Kennzeichen sind geblieben. Auch die Bewohnerzahl habe sich reduziert. Nun sollen dort nur noch knapp 40 Menschen gemeldet sein. Weigand betont: „Das ist eine dem Raum angemessene Anzahl.“ Die hohe Fluktuation hingegen, sagt der Ordnungsamtschef, das sei nichts, was die Stadt etwas angehe. „Jeder Vermieter kann das handhaben, wie er möchte.“

Die Frau aus dem Sprachkurs zumindest muss es nicht mehr in der 108 ausgehalten. Von der Organisation heißt es, dass sie eine neue Bleibe gefunden habe. Zum Glück, sagen die Mitarbeiter. Ordnungsdezernent Peter Schneider hat noch mehr gute Neuigkeiten: „So wie es aussieht, gibt es einen neuen Besitzer.“ Zwar sei die alte Eigentümerin noch im Grundbuch eingetragen – der Käufer habe sich jedoch schon bei der Bauaufsicht informiert. Eigenständig. Ein Stück Hoffnung auf bessere Aussichten für die 108 und deren Bewohner.

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