Fast immer sind Raser und Spurwechsler schuld

Die verengte Hauptschlagader: Rund 100 Unfälle in zwei Monaten

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Ein Unfall in der Baustelle und kilometerlange Staus – damit werden die Autofahrer auf der A3 zwischen Obertshausen und Offenbach wohl noch einige Wochen leben müssen.

Offenbach - Auf der A3 zwischen Hanau und Frankfurt unterwegs zu sein, ist ohnehin kein Vergnügen. In der Dauerbaustelle aber wird’s richtig ungemütlich. Die gute Nachricht: Die Autofahrer feiern bald Bergfest. Eine Zwischenbilanz. Von Ralf Enders 

Radiomoderatoren können den Satz im Schlaf herunterleiern: „Auf der A3 zwischen der Anschlussstelle Hanau und dem Offenbacher Kreuz in der Dauerbaustelle 10 Kilometer Stau nach einem Unfall.“ Kein Wunder: Mit mehr als 130.000 Fahrzeugen täglich ist die A3 im Rhein-Main-Gebiet eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands. Und wenn die durch eine Baustelle zum Nadelöhr wird, sind Staus vorprogrammiert. Es geht eigentlich nur noch darum, diese so selten und so klein wie möglich zu halten. Seit dem 20. Juli erneuern Arbeiter die Fahrbahn zwischen Obertshausen und dem Offenbacher Kreuz auf sechs Kilometern „grundhaft“, wie es die Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil formuliert. Voraussichtlich bis Mitte Dezember soll dies noch dauern. Geduld ist gefragt.

Die häufigen Unfälle mit Lastwagen ziehen stets aufwändige Bergungsarbeiten und entsprechend lange Sperrungen der Fahrbahn nach sich.

Und Vorsicht, möchte man hinzufügen, denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen kracht es nahezu täglich irgendwo in der Baustelle. Zu schnell bei zu wenig Abstand ist fast immer die Ursache, wie Verkehrstechniker Wolfgang Herda vom ADAC Hessen-Thüringen bereits zu Beginn der Bauarbeiten sagte. „Die überwiegende Anzahl der Unfälle geht nach polizeilicher Einschätzung auf ein fehlerhaftes Wechseln der Fahrstreifen bzw. Nichteinhalten des erforderlichen Sicherheitsabstandes zurück“, bestätigt nun der Sprecher des Polizeipräsidiums Südost-hessen in Offenbach, Rudi Neu. Und Stefan Hodes, Sprecher von Hessen Mobil, ergänzt: „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die meisten Unfälle in Baustellen durch Abstands- und Tempoverstöße verursacht werden.“

Ein paar Zahlen: In den zwei Monaten seit Einrichtung der Baustelle hat es der Polizei zufolge 97 Unfälle dort gegeben (Stand 18. September), das sind rein rechnerisch 1,6 pro Tag. Dabei wurden zwei Menschen schwer und 19 leicht verletzt. Auch in der vergangenen Nacht kracht es bei Obertshausen wieder heftig. Immerhin: Vor zwei Jahren, als in der Gegenrichtung gebaut wurde, zählte die Polizei nach zwei Monaten 120 Unfälle und gar ein Todesopfer. Kracht es auf der Baustellenseite in Richtung Frankfurt, kommen die Rettungsfahrzeuge über das Baufeld, wie Neu erläutert. In Richtung Würzburg kann eine Rettungsgasse gebildet werden. Und auf die einspurige Wechselfahrbahn gelangen die Helfer über mit Scharnieren verschwenkbare Notfallöffnungen in den transportablen Wänden. So könnten auch Autos im Stau abgeleitet werden.

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25.000 (!) Verstöße gegen das geltende Tempo 80 hat die Polizei bislang in der Baustelle registriert, die meisten mit dem neuen Super-Blitzer „Enforcement Trailer“. Extreme Raser waren Sprecher Neu zufolge nicht dabei; dies sei freilich auf den dichten Verkehr, aber auch auf die „hohe Polizeipräsenz“ – Zivilstreifen und eine extra „Baustellen-Streife“ sind unterwegs – zurückzuführen. Zu Situationen, in denen die Bauarbeiter gefährdet wurden, ist es laut Hodes glücklicherweise nicht gekommen.

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Wie viele Stunden die Autofahrer seit Start der Baustelle am 20. Juli im Stau gestanden haben, ist von der Polizei nicht erfasst. Auch Hessen Mobil hat keine Zahlen, verweist jedoch auf eine wissenschaftliche Begleituntersuchung zur sogenannten Wechselverkehrsführung im Baustellenbereich, als vor zwei Jahren die Gegenfahrbahn saniert wurde. Diese Freigabe einer zusätzlichen Spur je nach Verkehrslage – also morgens Richtung Frankfurt und abends weg davon – habe gegenüber einer konventionellen Verkehrsführung 750.000 Staustunden eingespart, was volkswirtschaftlich betrachtet einem Nutzen von sechs Millionen Euro entspreche.

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Die Wechselspur – hier in der Mitte zwischen den Fahrbahntrennern – wird morgens in Richtung Frankfurt und abends von Frankfurt weg als vierte Fahrbahn freigegeben, um etwas mehr Platz für den Berufsverkehr zu schaffen.

Auch in diesem Jahr erfasst und bewertet Hessen Mobil die Auswirkungen der Baustelle wissenschaftlich. Sprecher Hodes will den Ergebnissen nicht vorgreifen, einer ersten Einschätzung zufolge aber hätten sich die wichtigsten Maßnahmen bewährt: Beibehaltung der Fahrstreifenanzahl, breitere Spuren und einige „Detailoptimierungen“. Ein Thema der wissenschaftlichen Auswertung dürfte die ausufernde Breite moderner Autos sein. „Bei 14 Unfällen gab es eine seitliche Berührung der Fahrzeuge. Bislang wurden 73 Verstöße gegen die zulässige Fahrzeugbreite registriert“, berichtet Polizeisprecher Neu. Auf der Wechselspur und in Richtung Frankfurt gibt es keine Beschränkungen, aber auf dem linken Fahrstreifen Richtung Würzburg dürfen nur Fahrzeuge bis 2,10 Meter Breite unterwegs sein. Viele Fahrer riskieren das Bußgeld von 20 Euro und den verminderten Kaskoschutz im Falle eines Unfalles ohne es zu wissen, denn die in der Zulassungsbescheinigung I (früher Kfz-Schein) angegebene Fahrzeugbreite beinhaltet nicht die faktisch mitzählenden Außenspiegel. Ein Nissan Qashqai etwa wächst so von 1783 Millimetern auf 2122 – zu breit für die linke Spur.

In den meisten anderen deutschen Autobahnbaustellen gilt übrigens ein Verbot bereits ab zwei Metern Breite auf der linken Spur – das betrifft die gesamte Kompaktklasse und insgesamt etwa drei Viertel aller Autos.

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