Acht Jahre für Kickboxer

Offenbach/Darmstadt - Fast zehn Monate beschäftigte der Fall um Schutzgelderpressung, Sachbeschädigung, Betrug, Nötigung, Bestechung und gefährliche Körperverletzung die 15. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Sieben Angeklagte, zwei Nebenkläger, unzählige Zeugen, Beweisanträge und 34 Prozesstage verlangten sämtlichen Beteiligten ein sehr gutes Durchhalte- und Konzentrationsvermögen ab.

Gestern ist auch für den einzigen verbliebenen Angeklagten (35) das Urteil gefallen. Nach einer letzten Marathonsitzung am Montag (allein Oberstaatsanwältin Annette von Schmiedeberg plädierte fast fünf Stunden) verkündet die vorsitzende Richterin Barbara Bunk acht Jahre Haft. Damit bleibt sie unter den Forderungen der Anklage, die elf Jahre verlangt hatte, liegt aber über den fünf Jahren, die von der Verteidigung für angemessen erachtet wurden. Anwalt Dr. Erich-G. Bähr begründete seine Empfehlung damit, dass bei vielen Erpressungen gar keine konkrete Bedrohung geherrscht habe. Im Gegenzug dazu wertet er das Teilgeständnis, das sein Mandant nach ständig wechselnden und auf die jeweiligen Zeugen angepassten Aussagen Anfang März ablegte (von Schmiedeberg: „Salamitaktik“), wesentlich höher, als das Gericht dies tut.

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Die kriminelle Karriere der in Offenbach als „Kickbox-Zwillinge“ nahm mit der Gründung der ehemaligen Kampfsportschule „Fight Club“ an der Großen Marktstraße am 11. Mai 2006 so richtig Fahrt auf. In dem Club, der zu keiner Zeit legal gewinnbringend arbeitete, wurden Jugendliche zu Schlägern ausgebildet, die den Männern helfen sollten, ihre Machtposition im türkischen Milieu zu festigen. Eine Spirale aus Angst und Schrecken wurde unter Kiosk-, Wettbüro-, Café-, Bistro- und Spielhallenbesitzern geschaffen. Drohungen bis hin zum Mord wurden ausgesprochen, wollten sie nicht als „Sponsoren“ für den Club auftreten.

Unterstützunmg von korruptem Polizisten

Die meisten zahlten, wenige, wie Kioskbetreiber Y., weigerten sich. Um ihm zu zeigen, „wer in Offenbach das Sagen hat“, schickten die Brüder den als besonders brutal geltenden S., der mit einem Totschläger auf Y. einprügelte und eine Massenkeilerei auslöste.

Unterstützung erhielten sie auch von den bereits verurteilten Ramazan C. (33) aus Berlin, Mohamed D. (26) aus Offenbach und Danny C. (32) aus Hainburg. Mit einem Jahr und neun Monaten kam C. für zwei räuberische Erpressungen glimpflich davon – bei ihm wurde die Kronzeugenregelung nach Paragraf 46b angewandt. Das Gericht würdigte damit sein umfängliches Geständnis, das weitere Straftaten aufzuklären half: Betrug an der Deutschen Bank mit erschlichenen Krediten für Schrottimmobilien (Darlehenshöhe 365.000 Euro), Bestechung des inzwischen pensionierten Polizeibeamten Gerhard P.

Der „Onkel“ sorgte jahrelang mit polizeiinternen Informationen und Verhaltensratschlägen dafür, dass die Brüder bis 2009 ungeschoren davonkamen. Dafür kassierte er je nach Information zwischen 200 und 1500 Euro. Er ließ sich sogar dazu herab, Kollegen anzustiften, gegen zwei erpresste Geschäftsleute wegen angeblicher Kontakte zur kurdischen Untergrundorganisation PKK zu ermitteln. Das Ausmaß der Einschüchterung wurde richtig deutlich, als Zeugen aus Angst vor dem immer noch flüchtigen Devrim und weiteren Sympathisanten vor Gericht bewusst und trotz Strafandrohung falsche Angaben machten, obwohl der Offenbacher manche Umstände später selbst zugab.

Die Staatsanwältin in ihrem Schlusswort: „Sämtliche Taten waren von Macht- und Gewinnstreben geprägt, strategisch und taktisch geplant, die Rollenverteilung perfekt: Devrim mit siebenjähriger Knastvergangenheit der Vollstrecker, Deniz, bisher nicht vorbestraft, der verbale Provokateur.“ Sein Recht aufs letzte Wort lässt der Angeklagte nicht ungenutzt – die Hoffnung des Zuschauers auf ein bisschen echte Reue („Ich leide darunter und schäme mich“) zerschlägt sich allerdings schon im zweiten Satz. In dem beschimpft er bestimmte Zeugen wegen angeblicher Falschaussagen.

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