Studenten entwickeln eigene Marken

Wenn Design auf Wein trifft

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Neun Typen, die jeder aus der Studienzeit kennt: Mit den simplen Piktogrammen, aus Flaschen zusammengesetzt, will die „Momentum Winery“ ihre Konsumenten in ihre wilde Jugendzeit zurückversetzen. Umgesetzt hat die Illustrationen die HfG-Studentin Astrid Wolter (vorne), mit ihrer Geisenheimer Kollegin Selina Regnery.

Offenbach - Außergewöhnliche Weine statt Stadionbier: Die Kickers-Arena wurde Schauplatz eines besonderen Experiments: Studenten der Wein-Hochschule Geisenheim und der HfG präsentierten erstmals ihre gemeinsam erstellten Konzepte für einen eigenen innovativen Rebensaft. Von Julia Radgen 

Das Ziel: Die Marke für ein studentisches Weingut werden. Raus aus dem Hörsaal, rein in den echten Weinmarkt: Davon träumten einst vier Studenten der Hochschule Geisenheim. Sie sitzen – natürlich bei einem Gläschen Wein – zusammen und überlegen, wie der Traum von einer eigenen Marke wahr werden könnte. Mit der Herstellung des Traubenerzeugnisses kennen sie sich aus, aber was ist mit Flaschen-Design und Vermarktung? „Ich kenn’ da jemanden aus Offenbach“, sagt einer der Weinbaustudenten aus dem Rheingau. So kommen die Kommunikationsdesigner der HfG ins Spiel. Zumindest, wenn man dem eigens produzierten Filmchen der Kooperation „Geisenheimer Weinmanufaktur“ glauben darf. Gemeinsam sollen die Wein- und Designstudenten eine Marke entwickeln, die einzigartig und konkurrenzfähig genug wäre, um das Aushängeschild eines studentischen Weinguts zu werden. Seit einem Jahr haben sich Gruppen aus insgesamt 65 angehenden Weinexperten und 20 Offenbacher Designern ans Projekt gewagt. Dabei prallen unterschiedliche Welten aufeinander. „Künstler trifft auf Betriebswirtschaftler, trotzdem vertragen wir uns“, formuliert es der Geisenheimer Professor Robert Göbel. „Es war schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden“, sagt auch HfG-Studentin Kathrin Baumgartner. „Wir arbeiten einfach freier.“ Ihre Kommilitonin Anna Sukhova ergänzt, sie habe noch nie so viele Präsentationen gehalten, glaubt aber: „Von dieser Übung haben wir alle profitiert.“

Mehr Platz für detaillierte Informationen zum guten Tropfen: Robin Wissel präsentiert das aufklappbare Etikett der „Campus Winery“.

Den Dozenten war wichtig, dass das Projekt so realistisch wie möglich ist, damit es auf die Arbeitswelt vorbereitet. Da müssten Künstler und Betriebswirt schließlich zusammenkommen. „Die Geisenheimer werden keine Etiketten selbst gestalten und die Offenbacher keine Weine mischen“, sagt Typografie-Professor Sascha Lobe. Was die gegensätzlichen Teams erarbeiten haben, präsentierten die Studenten am Montagabend auf eigenen Wunsch in der VIP-Lounge des Stadions am Bieberer Berg. Die Arena mit den roten Sitzen, die man sonst mit frisch gezapften Stadionbier assoziiert, steht ganz im Zeichen des Weines – von den Studenten selbst organisiert. Unterstützt wird das Projekt vom Hausherrn Sparda-Bank Hessen mit einem „mittleren fünfstelligen Betrag“.

„Jetzt treten wir aus dem Verborgenen“, sagt Josefine Schlumberger, Deutsche Weinkönigin und Önologie-Studentin in Geisenheim. Wo ihre Kollegen mit der Entwicklung des Markenkerns, in Vorleistung gingen, kommt nun der Part der Offenbacher: Die gestalterische Umsetzung wird gelüftet, das einheitliche Erscheinungsbild, von den Profis Corporate Design genannt und nicht zuletzt das Etikett – der erste Eindruck beim Käufer. Dafür hat sich die Gruppe „Campus Winery“ etwas cleveres ausgedacht: Ein Etikett zum Auffalten. Darauf finden sich mehr als Herkunft, Inhaltsstoffe und eine schnöde Trinkempfehlung. „Bei uns geht’s wissenschaftlich ans Eingemachte“, verspricht das Team um Robin Wissel, der Grafikdesign und Illustration studiert. Zahlen und Diagramme geben Aufschluss über Anbau und Inhaltsstoffe. Das schlichte Logo ähnelt einem Buch. „Das steht für Tradition und Wissen“. Denn die Designschüler aus der Lederstadt haben bei Besuchen in Geisenheim gelernt: „Weinbau ist ein unglaublich komplexer Vorgang.“

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Die Gruppe „Wild“ hat gar ein eigenes Farbschema entworfen. „Je nach Anbau und Herstellungsart variiert die Farbe des späteren Weins“, sagt Baumgartner. Der Rosé, im Handel oft mit rosa Etikett, ist bei Wild knallblau. Auch das Projekt No1 hat sich ein variables Schema ausgedacht, um ihre Weine zu visualisieren: Sie haben einen „Vinographen“ gebaut, eine eigenwillige Apparatur aus einer alten Zeichenmaschine, die Eigenschaften des Tropfens wie Wetter, Rebsorte und den herstellenden Student in ein abstraktes grafisches Muster übersetzt.

Weniger um Wissenschaft als ums ausschweifende Studentenleben geht es bei der „Momentum Winery“. Nachts büffeln, viel feiern und Freunde sind das Wichtigste. „Wir wollen die Erinnerungen an diese Momente durch Wein wieder lebendig machen“, sagt die Geisenheimerin Selina Regnery. Neun Typen entwarf die Gruppe. Das Besondere: Die Logos von Diva oder Nachtschwärmer auf den Flaschen sind aus eben jenen gebildet. HfG-Studentin Astrid Wolter ist für die Illustration verantwortlich. „Jeder Wein ist einem anderen Charakter zugeordnet“, erklärt sie. Rückblickend sagt die Typopgraphie-Studentin, es sei eine gute Übung gewesen, „auch, wenn man sich mal durchbeißen musste.“ Und für die erstmalige Zusammenarbeit zwischen Kunde und Designer eher untypisch: „Der erste Gedanke hat beiden gefallen und ist umgesetzt worden.“

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