Investor kauft ehemaliges Altenheim

Ein Herz fürs Armenhaus am Hessenring

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Das kann eine schöne Wohnlage mit Grün und Weiher werden: Der Architekt des Investors will das ehemalige Altenheim nicht nur erhalten, sondern sich auch dem historischen Original annähern. So sollen die Betonbrüstungen aus den 60ern oder 70ern verschwinden.

Offenbach - Das kommt nicht oft vor: Wohnbau-Investoren müssen eine Stadt erst von der Meinung abbringen, dass eine historische Substanz eigentlich nur noch abgerissen werden kann. So geschehen beim ehemaligen Offenbacher Altenheim an Hessenring und Buchhügelallee. Von Thomas Kirstein 

Das Liegenschaftsamt hatte den seit 2013 komplett leer stehenden und vorher nur noch dank provisorischer Verbesserungen übergangsweise nutzbaren Bau schon abgeschrieben. Bis die Würzburger ErSa-Grundstücksgesellschaft mit Plänen überzeugte, die eine Erhaltung des prägnanten Komplexes zum Kern haben. Werner Hinkelbein, Vizeleiter des Liegenschaftsamts, gibt zu: „Uns hat die Fantasie gefehlt, dass das Bestandobjekt zu retten gewesen wäre.“

Die heute kaum auffallenden Jugendstil-Elemente am Westflügel könnten wieder zur Geltung kommen. (Bild vergrößern)

Neben dem ehemaligen Schlachthof prägt der fünfgeschossige Bau das Viertel im Süden der Stadt. Erbaut 1877 als städtisches Armenhaus, nach 1900 um einen Seitenflügel erweitert, diente er nach dem 2. Weltkrieg als städtisches Alten- und Pflegeheim. Anbauten und Veränderungen ab den 60er Jahren griffen so massiv ein, dass eine Aufnahme in die Liste der Kulturdenkmale verweigert wurde. Nach dem Bau eines neuen Seniorenzentrums wurde der notdürftig aktuellen Vorgaben angepasste Komplex von zwei Frankfurter Altenheimbetreibern bis vor zwei Jahren als Übergangs-Dependance genutzt. Eine Nutzung seitens der Stadt verbot sich wegen hohen Sanierungsbedarfs. Mit rund 20 Kaufinteressenten liefen Verhandlungen.

Investor präsentiert seine Pläne

Gestern präsentierte die Stadt den Investor und seine Pläne: Der Würzburger Erdogan Samiloglu will 20 Millionen in die ab Herbst 2015 vorgesehene Realisierung der Entwürfe des Architekten Achim Gekle stecken. Vorgesehen sind 85 weitgehend barrierefreie Eigentumswohnungen von 50 bis 120 Quadratmetern, 61 im alten Gebäude, 24 in einem neuen Anbau entlang der Elisabethstraße. Die – nicht öffentliche – Grünfläche mit dem vom Hainbach gespeisten Weiher bleibt erhalten. Es gibt eine Tiefgarage. Architekt Gekle, in den 90ern fünf Jahre in Offenbach bei Novotny & Mähner tätig, erkennt im Altbau architektonische Qualität, will die klassizistische Fassade mit ihrem mittigen Dreiecksgiebel im Südflügel wiederherstellen und im Westflügel einen Jugenstil-Treppenturm rekonstruieren.

Vision für die Ecke Hessenring/Buchhügelallee: So will der Würzburger Architekt Achim Gekle Altenheim-Bau und -Gelände für Wohnzwecke umgestalten und (rechte Bildseite) um einen Anbau an der Elisabethenstraße erweitern. (Bild vergrößern)

Sein Auftraggeber Samiloglu – dessen Seriosität laut Werner Hinkelbein eine stockkonservative Würzburger Bank attestiert hat – stellt sich als Selfmademan in Sachen Bau vor. In der Türkei als eines von acht Kindern geboren, studierte er in Deutschland Germanistik; in die Selbständigkeit geriet er während seiner Promotion, nachdem eine von ihm selbst ausgebaute Dachwohnung reges Interesse weckte; er verkaufte, es folgte zunächst Dachwohnung auf Dachwohnung, heute ist er Inhaber und Geschäftsführer einer auf Premiumobjekte in Altbausanierung und Neubau spezialisierten mittelständischen Firma.

Das bedeuten Immobilien-Codes

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

In Würzburg und Nürnberg, wo seine ErSa bislang tätig ist, sei der Markt abgegrast, erläutert Samiloglu. Nun schaut er sich im Umkreis von bis 200 Kilometern um. Mit Offenbachs Ex-Altenheim ist ein Objekt gefunden, das passt. „So schön frei stehend in einer Grünanlage gibt es heute wenig, das wird was Wunderschönes, ein Abriss kam für uns niemals in Frage“, schwärmt er. Zufrieden ist auch Oberbürgermeister und Planungsdezernent Horst Schneider. Die Entwicklung sei ein Glücksfall fürs Stadtbild, sagt er, etwas Prägnantes, was schon abgeschrieben gewesen sei, bleibe erhalten.

Auch den Stadtsäckel bereichert das Geschäft. Ein Kaufpreis von 4,1 Millionen Euro ist für die beiden Grundstücke (5479 und 10.608 Quadratmeter) mit den Gebäuden darauf vereinbart. Übrig bleiben werden allerdings nur 3,7 Millionen: Die Stadt bezahlt die Trennung von Versorgungseinrichtungen im Altbau, die mit benachbarten städtischen Einrichtungen wie die Altenpflegeschule verbunden sind; unter anderem rückzubauen und zu ersetzen sind eine Trafostation und die Fernwärmestation.

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