Neues Zuhause in Bieber

Zauneidechsen weichen dem Umbau am Kaiserlei-Kreisel

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Foto eines vom Kaiserlei nach Bieber umgesetzten Zauneidechsenmännchens.

Offenbach - Was lange währt: Der seit 16 Jahren geplante Umbau des Kaiserlei-Kreisels an der Nahtstelle zwischen Offenbach und Frankfurt soll in diesem Jahr endlich beginnen. Die Verkehrsdrehscheibe wird für geschätzte 37 Millionen Euro zu einer Doppel-Kreuzung umgestaltet. Die Vorbereitungen dazu laufen bereits - teilweise allerdings im Dickicht.

Am Himmel tönen die Triebwerke eines Airbusses, links tost die Odenwaldbahn über die Schienen, rechts rauscht der Verkehr in Richtung Offenbach und Autobahn. Dazwischen: scheinbar unberührte Natur. Die verwilderte Freifläche zwischen den Gleisanlagen der Deutschen Bahn und der Strahlenbergerstraße ist alles andere als ein Paradies für Vögel, Nager und Reptilien. Und doch hat sich hier eine streng geschützte Art breit gemacht – die Zauneidechse. Lacerta agilis auf der Spur ist Christine Wurmitzer. Leise und mit vorsichtigen Bewegungen streift die Biologin im Auftrag der Stadt durch das Gebüsch, begutachtet mit geschultem Auge das Unterholz und durchkämmt Brombeerhecken und Gestrüpp. Die Mitarbeiterin der Planungsgruppe „Natur und Umwelt“ hat noch bis zum Herbst Zeit, die Reptilien artgerecht einzufangen und in ihrem neuen Zuhause – einer Ausgleichsfläche in Bieber – auszusetzen. Danach rollen am Kaiserlei die Bagger an, beginnt der dreijährige Umbau des wichtigsten Offenbacher Verkehrsknotens.

Umsiedlung vom Kaiserlei: Auf diesem Areal entsteht die Verlängerung der Kaiserleipromenade zur Strahlenberger Straße. Über diese Verbindung wird künftig der Verkehr abgewickelt. 

Die Umsiedlungsaktion ist eine lange geplante Aktion zur Vorbereitung der Baumaßnahmen am Kaiserlei. Grundlagen sind die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union und das Bundesnaturschutzgesetz, erläutert Annette Glowania vom Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement. Die Referatskoordinatorin betont, dass diese gesetzlichen Vorgaben die Stadt zum Handeln verpflichten: „Wann immer ein Flächeneingriff für eine Baumaßnahme erfolgt, müssen wir alles tun, um gefährdete Tierarten wie hier die Zauneidechse zu schützen.“

Rund 50 000 Euro kostet die Umsiedlung, einschließlich fünfjährigem Monitoring und Einrichtung und Pflege des neuen Ausgleichsgebiets an der Schlossmühlstraße. „Es gibt viele Bauprojekte, bei denen vergleichbare Maßnahmen deutlich teurer werden“, gibt Glowania zu bedenken. „In diesem Fall sind die Kosten bei einem Gesamtvolumen von 37 Millionen Euro für den Kaiserlei-Umbau vergleichsweise gering.“ Zumal das neue Habitat für die Eidechsen auf städtischem Grund entstanden ist – die Ausgleichsfläche selbst also günstig hergerichtet werden konnte.

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Dr. Benjamin Hill und Biologin Christine Wurmitzer greifen dort die Echsen auf und setzen sie in Bieber wieder aus. Die schwarze Abdeckung dient zum Anlocken der Tiere: Tagsüber heizt sich die Auflage auf – ein beliebter Aufenthaltsort für die Reptilien. Nachts speichert sie die Wärme am Erdboden.

So viel Planungstiefe gibt es nicht immer. Dr. Benjamin Hill, Leiter Tierökologie und Artenschutz bei der Planungsgruppe PGNU, kennt einige Bauvorhaben, die nach Spatenstich noch unterbrochen oder umgeplant werden mussten. Grund waren unerwartete Bestände geschützter Tierarten. „Das kann es immer mal geben“, sagt Benjamin Hill. „In Offenbach jedoch wurde das Baugebiet mit ausreichend zeitlichem Vorlauf gründlich untersucht, da erwarte ich aus heutiger Sicht keine Überraschungen.“ 18 Eidechsen haben seine Mitarbeiter auf dem 3900 Quadratmeter großen Gelände am Kaiserlei bislang entdeckt und umgesiedelt. Bis zum Herbst könnten es noch einige Exemplare mehr werden. Die individuell je nach Geschlecht, Altersstadium und Jahreszeit braun oder grün gefärbten Tiere sind hervorragend getarnt. Keine leichte Aufgabe für Christine Wurmitzer, ein verstecktes Exemplar zu finden.

Die sogenannte Ausgleichsfläche in Bieber: Auf den gut 2000 Quadratmetern an der Schloßmühlstraße werden die eingesammelten Echsen ausgesetzt und in den nächsten Jahren beobachtet.

Hat sie eine Eidechse entdeckt, packt sie vorsichtig mit einem Schwamm oder einer Schlinge zu, um das Tier nicht zu verletzen und keinem Stress auszusetzen. „Wenn es so heiß ist wie heute, haben sie viel Energie und flitzen im Unterholz herum.“ Bislang fühlen sich die Eidechsen am Kaiserlei wohl. Sie lieben das eher trockene Magerbiotop am Bahndamm. „Wir finden sie überall im Rhein-Main-Gebiet entlang von Gleisanlagen. Gesamteuropäisch betrachtet ist die Art jedoch stark gefährdet“, sagt Hill. Deswegen ist der vergleichsweise hohe Aufwand für die Umsiedlung auch gerechtfertigt, betont er.

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Davon profitieren am Ende nicht nur die Tiere. Im Ausgleichsgebiet, rund sieben Kilometer entfernt vom Autobahnknoten Kaiserlei, sollen künftig Schulklassen Naturschutz hautnah erleben. Auf rund 2000 Quadratmetern Fläche haben dort das Amt für Stadtplanung und Umweltamt ein geschütztes Habitat errichtet: Längliche Holzhaufen, halb eingegrabene Schüttungen aus größeren Bruchsteinen, abwechselnd niedriges und hohes Gras sowie Sandlinsen zur Eiablage bilden einen neuen Lebensraum. Die Neuankömmlinge scheinen sich wohlzufühlen: Immer wieder lugen kleine grüne und braune Köpfe zwischen den sonnengeheizten Steinen hervor. Das neue Zuhause der Zauneidechsen ist eine ungestörte Idylle. Ganz ohne Verkehrslärm. (pso)

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