Familie reist quer durch Deutschland

Zirkus Köllner in Offenbach: Das Leben hinter dem Vorhang

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Während Jason Köllner (Mitte) mit Jonglage und Balancierakten das Publikum unterhält, treten seine beiden jüngeren Brüder Ramon (links) und Bernado (rechts) als Clowns auf. Der kleine Jadon ist mit einem Jahr noch zu jung für einen Auftritt, doch auch er wird bald in der Manege stehen.  

Offenbach - Der offiziell gemeldete Wohnsitz ist Duisburg, doch da sind Jürgen und Jessica Köllner mit ihren vier Söhnen so gut wie nie. Die Zirkus-Familie reist quer durch Deutschland, jede Woche sind sie an einem anderen Ort, aktuell in Offenbach. Ein Leben auf Achse, das vor allem den Söhnen einiges abverlangt. Von Steffen Müller 

Die Clown-Schminke für ein Gruppenfoto ist schnell aufgetragen. Bernado und Ramon Köllner sind es gewohnt. Immer, wenn der Circus Köllner seine Manege öffnet, tragen der 13- und der 12-Jährige das dicke Make-Up auf, meistens vier Mal pro Woche. Ihr älterer Bruder, der 16-jährige Jason, ist aus der Clowns-Verkleidung herausgewachsen. Er ist einer der wichtigsten Akrobaten bei den Auftritten des Circus Gebrüder Köllner, der ab morgen in Bieber am Platz am Imbiss gegenüber der Seligenstädter Straße 127 gastiert. Von Donnerstag bis Sonntag wird Jason mit Ringen, Bällen und Keulen jonglieren, auf seinem Kinn Stühle oder ein Tablett mit Getränken balancieren. Den Clown gibt er schon lange nicht mehr. „Damit habe ich angefangen, als ich mit zwei Jahren das erste Mal in der Manege stand“, sagt der 16-Jährige. Jason ist wie seine Brüder mit dem Zirkus aufgewachsen. In sechster Generation betreiben seine Eltern Jessica und Jürgen den Familienbetrieb, angefangen hat alles 1832, damals noch als Gaukler.

Heute reisen die Köllners nicht nur als Artisten quer durch Deutschland, sondern auch als Dompteure. Neun Pferde, drei Ziegen, zwei Lamas und mehrere Tauben sind ebenfalls Teil der Show. Einst gehörten auch Elefanten dazu, doch seitdem Tierschützer weltweit vermehrt gegen das Halten von Wildtieren im Zirkus protestieren, haben sich die Köllners entschieden, nur noch mit Haustieren zu arbeiten. Doch selbst das reicht einigen Städten aus, um dem Zirkus keine Genehmigung zu erteilen. „In Mörfelden-Waldorf durften wir nicht auftreten. Da sind Tiere komplett verboten“, sagt Jessica Köllner.

Mutter Jessica Köllner hat Tauben dressiert. Der Zirkus unterhält außerdem noch Pferde, Lamas und Ziegen.

Unter der Kritik an Tieren in der Manege leiden auch die Besucherzahlen bei den Köllners. Seit einigen Jahren verzeichnet der Zirkus immer weniger Gäste. „Es wird immer schwieriger, in Städten einen Platz zum Auftreten zu finden“, sagt Senior-Chef Jürgen Köllner. Der 40-Jährige beklagt außerdem, dass Kinder von heute kaum noch Interesse am Zirkus hätten. „Die beschäftigen sich nur noch mit Handys und Computer oder gucken Fernsehen.“ Früher seien die Plätze, auf denen der Zirkus seine Zelte aufgeschlagen hat, von neugierigen Besuchern aufgesucht worden, sobald die Köllners mit ihren Wohnwagen vorgefahren sind. Heute verirrt sich außerhalb der Vorstellungszeiten kaum noch jemand auf das Auftrittsgelände. Das bedeutet auch, dass die vier Jungs - nur der einjährige Jadon steht noch nicht auf der Bühne - immer weniger Kontakt zu Gleichaltrigen bekommen. Durch die ständige Reiserei fehlt es an einem festen Wohnort; über einen längeren Zeitraum Kontakte zu knüpfen, ist kaum möglich. Die Familie bleibt die meiste Zeit unter sich. Wie intensiv die Köllners herumreisen, sieht man an den Geburtsorten der Kinder: Berlin, Nürnberg, Ulm und Schwalmstadt.

Kinder machen Zirkus

Ihre Klassenkameraden kennen die Jungs nur über das Internet. Während der Grundschulzeit besuchten sie jeweils Bildungseinrichtungen in der Stadt, in der der Zirkus gerade gastierte. Dass sie jede Woche in eine neue Schule mussten - mit neuen Lehrern und neuen Mitschülern - war eher die Regel als die Ausnahme. Ab Klasse 5 änderte sich der Unterricht. Jason, Bernado und Ramon sind an der Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen eingeschrieben. Von dort aus erhalten sie täglich Online-Unterricht. Die Materialien kommen mit der Post. Diesen Sommer hat Jason seinen Hauptschulabschluss gemacht, jetzt kann er sich verstärkt der Zirkus-Organisation widmen.

Denn der 16-Jährige ist zum Junior-Chef aufgestiegen. Heißt: mehr Verantwortung, mehr Organisation. „Ich kümmere mich um die Tiere, mache den Stall sauber und plane die Show“, beschreibt er seine neuen Aufgaben. Dass er in so jungen Jahren schon die Verantwortung trägt, hält er für wichtig für den Fortbestand des Zirkus. Denn trotz aller Schwierigkeiten und sinkender Besucherzahlen: Zirkus Köllner soll noch mehrere Generationen weiter bestehen, und dafür ist ein starker Nachwuchs die beste Voraussetzung.

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Der Zirkus gastiert von Donnerstag bis Sonntag, 11. bis 14. August, am Platz am Imbiss, gegenüber der Seligenstädter Straße 127. Vorstellungen sind am Donnerstag, Freitag und Samstag um 17 Uhr, Sonntag um 11 Uhr. Tickets gibt es von 10 bis 12 Uhr im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

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